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Memmingen
Mittwoch. 02. Dezember 2020 / 49

Vergewaltigung | Wenn Freundschaft falsch aufgefasst wird und die Frau zum Opfer wird

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Nein heißt Nein – auch so könnte man diese Geschichte überschreiben. Doch es kam wieder einmal anders. Das Nein wurde nicht akzeptiert. Ich bin Steffi, 27 Jahre, aus einem Dörfchen nahe Memmingen. Lebensfroh, aufgeschlossen, stehe mit beiden Beinen im Leben und fühlte mich bis zum Faschingsdienstag, 25. Februar 2020, gut und ausgeglichen. Ich will Euch hier meine Geschichte erzählen, weil ich es wichtig finde, dass mein Peiniger nicht einfach so davon kommt und sich auch andere Frauen trauen, ihre Peiniger anzuzeigen und über das Erlebte zu sprechen. Mein Peiniger hat mich verletzt und einen Teil in mir zerstört – Vertrauen, Freundschaft und Liebe.

Es war am Faschingsdienstagmorgen, der 25.02.2020, der Tag war regnerisch. Ein Bekannter meines Ex-Freundes schrieb mir über Whatsapp. Ich kannte ihn gut und wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis. Immer wieder kam er zum Kaffeetrinken, wir unterhielten uns und alberten rum. Wir haben auch gemeinsam das ein oder andere unternommen. Eigentlich waren wir wie Bruder und Schwester, bis zu diesem Tag. In seiner Whatsapp schrieb er, dass er gerne zum Kaffeetrinken um 11 Uhr kommen würde. Wie immer in seinen Nachrichten hatte auch diese noch einen Nachsatz beinhaltet – „Bist Du denn alleine, zieh Dich schon mal aus.“. In diesem Moment habe ich mir dabei noch nichts gedacht, weil ich seine Sprüche ja kannte. Dass er das aber ernst meinte, stellte sich erst wenige Zeit später dann heraus.

Er kam und wir waren alleine in meiner schnuckligen Wohnung. Wir tranken Kaffee und redeten wie immer über Gott und die Welt. Dann fragte er mich, ob ich seine Schultern und Nacken massieren könnte, was ich schon öfters gemacht habe, weil er Rückenprobleme von seiner Arbeit hat. Ich massiere gerne, ich hatte früher schon einmal ins Auge gefasst, den Beruf der Masseurin zu erlernen. Ich dachte mir nichts dabei, ich massierte ihn und lockerte die Verspannungen. Irgendwann meinte er dann, ich soll ihn auch an der Brust massieren, er habe so Muskelkater. Ich erwiderte, dass bei Muskelkater eine Massage keine Wirkung zeigt. Die Stimmung schlug um, er packte mich plötzlich an den Armen, ich hatte Schmerzen. Er schmiss mich auf mein Sofa und spreizte meine Beine und legte sich dazwischen. Ich konnte nichts machen er hatte meine Hände fest im Griff und auch meine Beine. Ich habe laut geschrien, ich hatte Angst und Panik. Ich schrie ihn an „hör auf“, „lass das“, „ich will das nicht“. Ihm war es egal, er wusste warum er heute zum Kaffee kam und hatte seinen Plan. Er zog mir meine Hose mit Unterwäsche bis zum Knie herunter. Er griff nach meinen Brüsten und schob den BH weg. Ich schrie weiter „hör auf, ich will das nicht“. Tränen liefen mir über das Gesicht. Die ganze Zeit versuchte ich mich loszureißen, er war aber kräftiger als ich. Er küsste mich am Hals, ich roch seinen Atem, es war ekelig. Ihn ließ es völlig kalt, dass ich schrie und Angst hatte. Er machte weiter, seine Hände waren an meinem ganzen Körper, einfach erniedrigend.

Irgendwann habe ich es geschafft mich zu befreien. Ich rannte ins Badezimmer und schloss mich ein. Ich zitterte am ganzen Körper, weinte und hatte entsetzliche Angst. Ich schrie durch die geschlossene Tür was soll das – er erwiderte „keine Ahnung“. Eine gefüllte Ewigkeit später hörte ich die Haustüre schließen und ein Auto wegfahren. Er hatte die Wohnung verlassen. Ich nahm mein Handy und rief meinen Ex-Freund an und erzählte ihm was gerade passiert war. Ich ging davon aus, dass mein Peiniger zu ihm fahren würde.

Foto: privat

Als ich mich wieder etwas gefangen habe rief ich meine Mutter an, sie war gerade beim Arbeiten. Sie informierte dann die Polizei, die auch rasch bei mir in der Wohnung ankam. Ich erzählte den Beamten die Geschichte, was sich gerade die letzten 30 Minuten in meiner Wohnung abspielte und was ich erlebte. Sie packten mein Handy, meine Wäsche, Hose und T-Shirt in braune Papiertüten. Sie wollten die Spuren darauf sichern. Mein Peiniger wurde noch am selben Tag von der Polizei festgenommen. Ihm wurde eine DNA-Probe abgenommen, um die Spuren auf meiner Kleidung abgleichen zu können. Nach einer Nacht im Polizeigewahrsam wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt.

Nachdem ich bereits zu Hause den Kripobeamten den Ablauf erzählt hatte, musste ich danach auf die Dienststelle, noch einmal alles zu Protokoll geben. Mein Handy wurde ausgewertet, die Nachrichten darauf gesichert. Mein Top, meine Leggins, habe ich wieder in den braunen Papiertüten zurück erhalten. Ich ging zu meinem Auto mit den drei Tüten in der Hand, Tränen in den Augen, stieg ein, legte die Tüten neben mich auf den Beifahrersitz und fuhr wieder nach Hause.

Diese 30 Minuten haben mein Leben völlig aus der Bahn geworfen. Ich brauche Schlaftabletten, um nachts zur Ruhe zu kommen. Ich habe mir mittlerweile einen Psychiater gesucht und bin dort in Behandlung. Immer wieder denke ich an die Szenen, bekomme Angstzustände und zittere am gesamten Körper. Er geht weiter arbeiten, fährt sein sportliches Auto und geht wahrscheinlich davon aus, dass ihm nicht viel passieren wird. Ich habe mir mittlerweile auch einen Anwalt genommen, der das Strafverfahren begleitet.

Ich hatte mehrfach NEIN gesagt, aber es interessierte ihn nicht. Mein Leben ist gerade zerstört. Mein Lebensmut und meine Fröhlichkeit sind dahin. Jemanden zu vertrauen ist fast unmöglich. Nach der versuchten Vergewaltigung ist ein Häufchen Elend von mir übrig – ich bin nicht mehr die Steffi, die ich vor einigen Tagen noch war.

 

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