Im Prozess um den Allgäuer Tierschutzskandal hat der Tierrechtsaktivist Philipp Hörmann die beiden Angeklagten vor dem Memminger Landgericht schwer belastet. Der Zeuge, der die mutmaßlichen Missstände auf dem Betrieb einst mit verdeckten Aufnahmen öffentlich gemacht hatte, schilderte am Verhandlungstag mehrere gravierende Vorfälle und erhob schwere Vorwürfe gegen die Betreiber des Milchviehbetriebs.
Nach seinen Angaben habe er auf Video dokumentiert, wie Tiere auf dem Hof wiederholt misshandelt und nicht ausreichend versorgt worden seien. Besonders drastisch schilderte Hörmann einen Vorfall mit einer Kuh, die gerade kalbte. Vor Gericht sagte er aus, ein Radlader sei mehrfach mit der Ecke der Schaufel und mit Anlauf gegen das Tier gefahren worden. Die Kuh habe nicht mehr aufstehen können und sei später mit einer Hüftklammer und mithilfe des Radladers angehoben worden. Dabei sei das Kalb aus dem Mutterleib „herausgerissen“ worden. Die Geburt sei erzwungen worden, während die Kuh nahezu regungslos liegen geblieben sei.
Der Prozess vor dem Landgericht Memmingen gilt als eines der bundesweit bedeutendsten Verfahren im Bereich Tierschutz. Seit Januar müssen sich Vater und Sohn, Betreiber eines großen Milchviehbetriebs im Unterallgäu, wegen mutmaßlicher Verstöße gegen Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes verantworten. Im Fall einer Verurteilung drohen Geldstrafen oder Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren.
Laut Anklage sollen die beiden Beschuldigten Tiere in insgesamt 58 Fällen unsachgemäß mit einem Radlader verladen sowie kranke oder behandlungsbedürftige Kühe nicht tierärztlich versorgt haben. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft sollen den Tieren dadurch länger anhaltende und erhebliche Schmerzen sowie Leiden zugefügt worden sein. Die Angeklagten hätten dies erkannt und dennoch in Kauf genommen, um Zeit und Behandlungskosten zu sparen.
Die Verteidigung weist die Vorwürfe seit Beginn des Verfahrens zurück. Für die beiden Angeklagten gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.
Hörmann schilderte vor der Kammer zudem, wie er auf die mutmaßlichen Zustände aufmerksam geworden sei. Nach seinen Angaben habe ihn eine Bekannte auf mögliche Verstöße auf einem Hof bei Bad Grönenbach hingewiesen. Gemeinsam mit dem Eigentümer des Hofs habe er zunächst versucht, auf Veränderungen hinzuwirken. Weil dies erfolglos geblieben sei, seien Anzeigen gestellt und Behörden informiert worden. „Es passierte einfach nichts“, sagte Hörmann vor Gericht.
Im weiteren Verlauf habe er verdeckte Kameras auf einer Nebenstelle des Betriebs installiert. Dort habe er unter anderem eine überbelegte Box mit rund 20 Jungtieren dokumentiert, von denen mehrere nur auf drei Beinen hätten laufen können. Außerdem habe er ein Tier gefilmt, das stark abgemagert in einer Ecke gelegen habe, ohne dass ihm aus seiner Sicht geholfen worden sei.
Als weiteren besonders belastenden Vorfall schilderte Hörmann eine Verladeaktion vom 26. Mai 2019. Dabei sei ein Tier, das nicht mehr habe aufstehen können, mit Kniestößen, Ziehen am Schwanz und einem spitzen Gegenstand bearbeitet worden. Zudem sei auf den Aufnahmen zu sehen gewesen, wie eine Kuh an den Hinterläufen mit einem Seil zusammengebunden und mit einem Radlader über ein Gitter gezogen worden sei, bis ihr Kopf auf den Asphalt aufschlug.
Nach Darstellung des Zeugen habe sich im Verlauf seiner Recherchen der Verdacht verdichtet, dass Tiere auf dem Betrieb regelmäßig misshandelt und nicht ausreichend versorgt worden seien. Besonders schwer belastete Hörmann dabei den Angeklagten Martin E.. Dessen Vater Franz E. sei nach seiner Darstellung deutlich seltener auf dem Hof gewesen.
Wie bereits berichtet, ist gegen Martin E. inzwischen bereits ein Tierhaltungs- und Betreuungsverbot durch die zuständige Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen verhängt worden. Ein solches Verbot gilt als einschneidende Maßnahme bei schweren Verstößen.
Auch spätere verdeckte Recherchen der SOKO Tierschutz sollen nach Angaben der Tierschützer weitere gravierende Bilder ergeben haben. Demnach sollen Aufnahmen unter anderem zeigen, wie Tiere geschlagen, getreten und mit Elektroschockern misshandelt worden seien. Diese Darstellungen sind jedoch nicht Gegenstand der aktuellen Zeugenaussage, sondern Teil weiterer Vorwürfe im Umfeld des Falls.
Der Prozess wird fortgesetzt. Das Gericht hat weitere Verhandlungstage bis Oktober angesetzt. Es sollen noch zahlreiche Zeugen und Sachverständige gehört werden.









