Ryanair zwischen Bodensee und Allgäu: Wie der Billigflieger Friedrichshafen und Memmingen in Stellung bringt
Ryanairs Rückkehr ist mehr als nur eine neue Strecke
Ryanairs Rückkehr nach Friedrichshafen wirkt auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht für den Bodensee-Airport. Und das ist sie auch. Aber sie ist zugleich mehr als nur eine neue Flugverbindung: Sie ist ein Signal im Machtspiel zwischen Airline und Flughafen. Denn Ryanair kommt nicht mit einem großen Netz zurück, sondern mit einem gezielten Testlauf. Ab Sommer 2026 fliegt die Airline von Friedrichshafen nach Alicante und Palma de Mallorca. Genau darin liegt die eigentliche Botschaft. Ryanair zeigt, dass sie am Bodensee wieder eine Option hat – und allein diese Option erhöht ihren Druck auf andere Regionalflughäfen, allen voran Memmingen. Ryanair selbst und der Bodensee-Airport haben die beiden neuen Strecken offiziell angekündigt.
Friedrichshafen braucht jeden zusätzlichen Verkehr
Für Friedrichshafen ist die Rückkehr deshalb willkommen, weil der Flughafen nach Jahren der Unruhe jeden zusätzlichen Verkehr gebrauchen kann. Das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung liegt zwar hinter dem Airport, die wirtschaftliche Lage bleibt aber angespannt. Für das Geschäftsjahr 2024 weist die Flughafen Friedrichshafen GmbH einen Jahresfehlbetrag von 4.122.106 Euro aus. Gleichzeitig stieg das Passagieraufkommen 2025 laut Flughafen wieder auf 250.881 Fluggäste, ein Plus von 10 Prozent. Das ist ein positives Signal, ersetzt aber noch keine strukturelle Entwarnung. Der Flughafen betont selbst, dass gerade die Wiederanbindung an wichtige Strecken und die Stabilisierung des Angebots strategisch zentral sind. Ryanair lindert damit ein Problem – löst aber nicht automatisch das Grundproblem des Standorts.
Memmingen ist für Ryanair kein Testballon, sondern ein Kernstandort
Memmingen steht dagegen auf einem deutlich anderen Fundament. Der Allgäu Airport kam 2025 auf 3.698.900 Passagiere, ein Plus von 14,09 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Flughafen selbst spricht von einem Rekordjahr und zugleich davon, dass nach der Phase des besonders dynamischen Wachstums nun stärker auf Verlässlichkeit, Konsolidierung und ein moderateres Wachstum gesetzt werde. Genau diese Größenordnung macht den Unterschied: Memmingen ist für Ryanair kein symbolischer Standort und kein Testballon, sondern ein operativ relevanter Teil des Netzes in Deutschland.
Zwei Flughäfen, zwei sehr unterschiedliche Strukturen
Hinzu kommt ein struktureller Unterschied, der in diesem Wettbewerb oft unterschätzt wird. Friedrichshafen ist deutlich stärker öffentlich geprägt. Auf der Gesellschafterseite des Flughafens halten Stadt Friedrichshafen und Bodenseekreis jeweils 39,38 Prozent der Anteile. Memmingen beschreibt sich dagegen ausdrücklich als unternehmerisch geprägten Airport: 69,2 Prozent der Flughafen Memmingen GmbH liegen laut eigener Darstellung bei privaten Unternehmern aus der Region, weitere 30,8 Prozent bei einer Gesellschaft, an der 85 Unternehmen und Körperschaften aus der Region beteiligt sind. Anders gesagt: Friedrichshafen ist stärker politisch eingebettet, Memmingen stärker marktwirtschaftlich organisiert. Das hat unmittelbare Folgen dafür, wie beide Flughäfen in Preis- und Wachstumsverhandlungen auftreten können.
Die operative Abhängigkeit von Ryanair ist in Memmingen deutlich größer
Noch wichtiger ist aber die operative Abhängigkeit. Im Sommerflugplan 2026 ist Ryanair in Memmingen weiterhin massiv präsent. Die offizielle Sommerzielliste zeigt eine große Zahl von Ryanair-Verbindungen; Alicante und Palma gehören ebenso dazu wie zahlreiche klassische Ferien- und VFR-Ziele. Zusätzlich hatte Ryanair rund um den Jahreswechsel 2025/2026 selbst hervorgehoben, dass Memmingen zu den deutschen Flughäfen gehört, die aus Sicht der Airline bei den Kosten „proaktiv“ mitgearbeitet hätten. Das ist kein Nebensatz, sondern eine klare Botschaft: Ryanair macht Wachstum nicht nur von Nachfrage abhängig, sondern auch davon, wie weit Flughäfen in ihrer Kostenlogik mitgehen.
So kann Ryanair Friedrichshafen und Memmingen gegeneinander ausspielen
Wie also kann Ryanair Friedrichshafen und Memmingen gegeneinander ausspielen? Nicht durch eine vollständige Verlagerung von Memmingen an den Bodensee – dafür ist Friedrichshafen viel zu klein. Sondern durch selektive Konkurrenz auf einzelnen, hoch attraktiven Sonnenrouten. Genau die zwei Friedrichshafener Ryanair-Ziele, Alicante und Palma de Mallorca, stehen auch im Memminger Sommerflugplan. Ryanair braucht also keinen Komplettumzug, um Druck zu erzeugen. Es reicht, wenn die Airline bei identischen Ferienprodukten marginale Kapazitäten, Marketingbudgets, Preisaktionen oder künftige Wachstumsoptionen zwischen beiden Flughäfen verschiebt. Das ist die eigentliche Währung in diesem Geschäft.
Teilweise überlappende Einzugsgebiete machen den Wettbewerb real
Dazu kommt eine teilweise Überschneidung der Einzugsgebiete. Friedrichshafen positioniert sich traditionell als Flughafen für die Bodenseeregion und das Vierländereck. Memmingen wiederum adressiert ein deutlich größeres süddeutsches und grenznahes Einzugsgebiet. Daraus folgt: Die Flughäfen sind nicht gleich groß und nicht gleich stark, aber sie konkurrieren auf bestimmten touristischen Strecken durchaus um dieselbe preissensible Kundschaft. Wer aus Teilen Oberschwabens, dem östlichen Bodenseeraum, dem Westallgäu, Vorarlberg oder angrenzenden Schweizer Regionen kommt, kann je nach Preis, Flugtag und Fahrtzeit zwischen beiden Airports abwägen. Gerade bei einfachen Sonnenzielen ist diese Austauschbarkeit für eine Airline wie Ryanair taktisch hochinteressant. Die Routenwahl nach Alicante und Palma spricht genau für so eine Logik.
Ryanair macht keinen Hehl aus ihrer Kostenlogik
Ryanair formuliert diese Strategie inzwischen erstaunlich offen. In der Ankündigung des Sommerflugplans 2026 für Deutschland nennt die Airline ausdrücklich jene Flughäfen als Gewinner ihres zusätzlichen Angebots, die mit Ryanair an Kostensenkungen gearbeitet hätten – darunter Memmingen. In der Mitteilung zur Rückkehr nach Friedrichshafen lobt Ryanair zugleich wettbewerbsfähige Kosten und schlanke Prozesse an regionalen Flughäfen wie Friedrichshafen. Das heißt im Klartext: Wachstum gibt es dort, wo der Standort in Ryanairs Kostenlogik passt. Diese Logik ist der Kern des Ausspielens. Denn wer als „proaktiver“ Flughafen gilt, gewinnt Strecken; wer als „zu teuer“ gilt, verliert sie.
Das Beispiel Memmingen zeigt, wie schnell sich die Erzählung ändern kann
Wie beweglich diese Erzählung ist, zeigt der Blick zurück. Noch im Oktober 2025 hatte Ryanair angekündigt, den deutschen Winterflugplan 2025 um über 800.000 Sitze zu kürzen und 24 Strecken an neun deutschen Flughäfen zu streichen – ausdrücklich genannt wurde damals auch Memmingen. Wenige Monate später war Memmingen in der Sommer-2026-Kommunikation plötzlich wieder ein positives Beispiel für einen kostenbewussten Standort. Genau das ist die Warnung für den Allgäu Airport: Wer heute als Partner gelobt wird, kann morgen schon wieder als zu teuer gelten. Ryanair justiert ihren Druck je nach Verhandlungsstand.
Für Memmingen liegt die Gefahr eher im schleichenden Druck
Damit wird auch deutlich, warum dieser Poker für Memmingen zwar nicht akut existenziell, strategisch aber durchaus ernst ist. Der Flughafen ist groß, operativ robuster als Friedrichshafen und versucht erkennbar, seine Abhängigkeiten professioneller zu managen. Er setzt auf moderateres Wachstum, baut Infrastruktur aus und hat sich zuletzt als stabiler Regionalairport mit starkem Verkehrsaufkommen positioniert. Gleichzeitig bleibt Ryanair einer der prägendsten Akteure im Flugplan. Und genau darin liegt das Risiko: Nicht der spektakuläre Totalabzug wäre das wahrscheinlichste Szenario, sondern der schleichende Druck – hier eine Winterkürzung, dort ein zäher Gebührenstreit, da eine zusätzliche Route am Bodensee, dort ein ausbleibender Wachstumsschritt im Allgäu. So verschiebt sich die Verhandlungsmacht Schritt für Schritt.
Für Friedrichshafen wäre ein Ryanair-Start noch keine Sanierung
Für Friedrichshafen wiederum liegt die Gefahr auf der anderen Seite. Der Bodensee-Airport darf den Ryanair-Einstieg nicht mit einer Sanierung verwechseln. Zwei Spanien-Routen sind ein Anfang, aber kein tragfähiges Gesamtkonzept für einen Flughafen, der weiter um wirtschaftliche Stabilität ringt. Die Rückkehr von Ryanair ist deshalb eher als Markttest zu lesen denn als Rettung. Historisch ist das besonders relevant, weil Ryanair schon einmal in Friedrichshafen präsent war und sich wieder zurückgezogen hatte. Gerade ein kleinerer, finanziell belasteter Flughafen läuft deshalb Gefahr, zu viel Hoffnung in einen Carrier zu legen, dessen Geschäftsmodell auf konsequenter Verhandlungsmacht beruht.
Der Poker ist real – aber nicht symmetrisch
Die sauberste Schlussfolgerung lautet deshalb: Ja, Ryanair kann Friedrichshafen und Memmingen gegeneinander ausspielen – aber nicht symmetrisch. Friedrichshafen ist derzeit eher ein taktischer Außenposten, Memmingen ein strategischer Kernstandort. Doch für Druck auf einen Kernstandort reicht ein taktischer Außenposten oft völlig aus, solange identische Ferienrouten und teilweise überlappende Einzugsgebiete im Spiel sind. Für Memmingen wird dieser Poker in dem Moment gefährlich, in dem kurzfristiges Wachstum mit dauerhaften Gebührenerleichterungen erkauft wird. Für Friedrichshafen wird er gefährlich, wenn aus einem vorsichtigen Ryanair-Markttest politisch oder wirtschaftlich eine Rettungserzählung gemacht wird. Die Rückkehr nach Friedrichshafen ist also real und wichtig – aber sie ist eben auch ein Instrument in einem größeren Machtspiel.
Memmingen wollte sich dazu nicht in einem Pressegespräch äußern
Die Redaktion von new-facts.eu hätte zu diesen Fragen gerne auch mit den Verantwortlichen des Flughafens Memmingen in einem Pressegespräch gesprochen. Auf eine schriftliche Anfrage vom Donnerstag, 26. März 2026, kam jedoch lediglich die Antwort zurück:
„… Derzeit können wir Ihnen leider kein Pressegespräch zu den von Ihnen angesprochenen Themen anbieten …“
Das ist bedauerlich. Denn wer öffentliche Gelder – also Steuergelder – in Anspruch nimmt, sollte aus Sicht der Redaktion auch bereit sein, der Öffentlichkeit Rede und Antwort zu stehen.









