Der Flughafen Memmingen gilt heute als einer der dynamischsten Regionalflughäfen Deutschlands. Noch Anfang der 2000er Jahre war das Gelände ein militärischer Fliegerhorst – inzwischen ist der Allgäu Airport drittgrößter Verkehrsflughafen Bayerns und hat sich als Low-Cost-Drehkreuz im Süden etabliert.
Vom Fliegerhorst zum Regionalflughafen
Der Ursprung des heutigen Flughafens liegt im Fliegerhorst Memmingerberg, der Mitte der 1930er Jahre gebaut und bis 2003 militärisch genutzt wurde. 2004 erfolgte die Zulassung als regionaler Verkehrsflughafen Allgäu, ab Juni 2007 startete der regelmäßige Linienverkehr. 2008 folgte die offizielle Umbenennung in „Flughafen Memmingen“.
Seitdem hat sich der Airport konsequent als Low-Cost-Flughafen positioniert – mit Ryanair und Wizz Air als zentralen Partnern, ergänzt durch Eurowings und weitere Anbieter. Schritt für Schritt wurden Infrastruktur und Angebot erweitert: Planfeststellung und gerichtliche Bestätigung des Ausbaus, Verbreiterung der Start- und Landebahn, neue Rollwege, Terminalerweiterungen und die Stationierung einer Ryanair-Basis ab 2017.
Aktuell werden weitere Ausbauten vorangetrieben, etwa zusätzliche Rollwege, eine obere Ebene im Terminal mit Trennung von Ankunft und Abflug, ein geplantes Parkhaus mit rund 1.800 Stellplätzen und Verbesserungen für den Allwetterbetrieb. Unterm Strich hat sich der ehemalige Militärflughafen in gut zwei Jahrzehnten zu einem stark wachsenden Regionalairport mit klarer Billigflug-Strategie entwickelt.
Passagiere und Flugbewegungen: Rekorde im Blick
Die offiziellen Statistiken zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend mit einzelnen Dellen:
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2007 startete der Linienbetrieb mit rund 173.000 Passagieren.
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2010 wurde mit über 900.000 Fluggästen erstmals ein deutlicher Peak erreicht.
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Nach einem Rückgang auf etwa 750.000 Passagiere 2014 zog das Wachstum wieder an.
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2017 wurden erstmals mehr als eine Million Passagiere gezählt.
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2019 lag der Wert bei rund 1,7 Millionen Fluggästen, bevor Corona 2020 zu einem Einbruch führte.
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2022 waren es bereits knapp zwei Millionen Passagiere, 2023 rund 2,8 Millionen.
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2024 wurden laut Statistik über 3,2 Millionen Fluggäste abgefertigt – ein neues Rekordjahr.
Im Herbst 2025 hat der Flughafen die Passagierzahl von 2024 bereits überschritten. Das Ziel für das laufende Jahr liegt bei mehr als 3,5 Millionen Reisenden – damit gehört Memmingen zu den wachstumsstärksten Flughäfen in Deutschland seit der Pandemie.
Ähnlich dynamisch sind die Flugbewegungen (Starts und Landungen) gestiegen: Von gut 5.300 Bewegungen im Jahr 2005 kletterten sie über 10.000 im Jahr 2010 und rund 14.000 im Vor-Corona-Jahr 2019 auf knapp 30.000 Bewegungen im Jahr 2024. Nach dem pandemiebedingten Einbruch 2020 verzeichnet der Airport seit 2022 wieder einen massiven Anstieg.
Jobmotor und Standortfaktor – mit Schattenseiten
Direkt am Flughafen stieg die Zahl der Beschäftigten 2024 von rund 300 auf fast 380 Mitarbeiter, darunter mehrere Dutzend Auszubildende und dual Studierende. Hinzu kommen Arbeitsplätze bei Airlines, Abfertigungs- und Sicherheitsdienstleistern, Gastronomie, Mietwagenfirmen, Hotels und Zulieferern – viele davon in der Gemeinde Memmingerberg und im Umland.
Studien des ifo Instituts und des Bayerischen Wirtschaftsministeriums attestieren dem Flughafen eine spürbare Bedeutung für die regionale Wirtschaft: Rund 40 Prozent der Fluggäste sind Incoming-Passagiere, die als Urlauber, Besuchsreisende oder Geschäftsleute in die Region kommen und hier Übernachtungen, Gastronomie- und Freizeitumsätze generieren. Ein Teil dieser Gäste bleibt im Allgäu oder in Bayerisch-Schwaben und stärkt so die Tourismusbranche.
In Unternehmensbefragungen wird der Airport vor allem als Standortfaktor geschätzt: Gut ein Drittel der befragten Firmen sieht einen positiven Effekt auf die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts. Deutlich weniger Unternehmen berichten von direkten Auswirkungen auf eigene Investitionen oder Beschäftigung – der Flughafen ist also ein Baustein im Standortpaket, aber kein alleiniger Wachstumsmotor.
Memmingerberg zwischen Jobchance und Lärmbelastung
Für die Gemeinde Memmingerberg sind die Auswirkungen besonders unmittelbar. Auf der Habenseite stehen Arbeitsplätze direkt vor der Haustür, zusätzliche Steuer- und Einkommenseffekte sowie ein Lagevorteil, der in Werbung und Unternehmensauftritten gerne hervorgehoben wird – die Adresse „Am Flughafen“ wird bewusst als Pluspunkt genutzt.
Auf der anderen Seite gibt es seit Beginn des zivilen Betriebs Konflikte um Lärm, Verkehr und Ausbau. Die Bürgerinitiative „Bürger gegen Fluglärm“ kritisiert regelmäßig die Zunahme der Flugbewegungen, die Verlängerung und Verbreiterung der Start- und Landebahn sowie Nachtflüge. Auch Verkehr und Parkdruck im Ort sorgen immer wieder für Diskussionen – insbesondere in der Ferienzeit, wenn Ausweichparker Seitenstraßen in Memmingerberg belagern.
Das Bild vor Ort ist entsprechend gespalten: Für viele ist der Flughafen ein wichtiger wirtschaftlicher Motor, für andere eine Quelle von Lärm- und Verkehrsbelastungen.
Ryanair, Gebühren und die Frage nach künftigen Strecken
Eine zentrale Rolle in Memmingen spielt Ryanair. Die irische Airline betreibt am Allgäu Airport eine Basis mit stationierten Maschinen und bietet zusammen mit Wizz Air und Eurowings ein dichtes Streckennetz zu Urlaubs- und Städtezielen in ganz Europa.
Gleichzeitig kritisiert Ryanair seit Jahren die aus ihrer Sicht hohen Kosten des Luftverkehrsstandorts Deutschland: Neben der Luftverkehrsteuer (Ticketsteuer) geht es dabei um Flugsicherungs- und Sicherheitsgebühren. Bundesweit hat Ryanair für den Winterflugplan rund zehn Prozent Kapazität gestrichen und mehrere Verbindungen an großen Flughäfen wie Berlin, Hamburg oder Köln/Bonn gekappt – als Druckmittel in Richtung Politik.
Die schwarz-rote Bundesregierung hat inzwischen beschlossen, die Luftverkehrsteuer zum 1. Juli 2026 wieder zu senken und insbesondere kleinere Flughäfen bei Flugsicherungs- und Sicherheitskosten zu entlasten. Die genaue Ausgestaltung, also wie stark welche Gebühren an welchem Standort sinken, ist aktuell noch in Arbeit.
Memmingen gilt in der Branche schon heute als vergleichsweise kostengünstiger Airport mit niedrigen lokalen Gebühren. Entsprechend gut ist die Ausgangsposition: Sollte das bundesweite Kostenniveau ab 2026 tatsächlich sinken, steigen die Chancen, dass Ryanair und andere Low-Cost-Carrier ihr Angebot eher ausbauen als reduzieren – ob konkrete, früher gestrichene Linien zurückkehren, entscheiden am Ende jedoch Auslastung, Ertragslage und Wettbewerb.
Perspektiven bis 2030: Wachstum mit Fragezeichen
Kurz- bis mittelfristig spricht vieles dafür, dass der Flughafen Memmingen weiter wächst. Die Passagierzahlen steigen deutlich schneller als an vielen anderen Standorten, neue Ziele kommen hinzu, die Infrastruktur wird laufend erweitert. Der Fokus liegt klar auf günstigen Urlaubs- und Pendlerstrecken: Spanien, Italien, Griechenland, Portugal und Ziele in Südost- und Osteuropa, die stark von Arbeitsmigration und Familienbesuchen geprägt sind.
Herausforderungen bleiben jedoch:
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Kostenniveau in Deutschland: Bleiben Steuern und Gebühren im europäischen Vergleich hoch, drohen immer wieder Debatten um Kürzungen und Streckenstreichungen.
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Umwelt, Klima und Lärm: Ausbaupläne stoßen regelmäßig auf Kritik von Umweltverbänden und Bürgerinitiativen. Künftige Gerichts- und Politikentscheidungen könnten Wachstum begrenzen oder zusätzliche Auflagen bringen.
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Kapazitätsgrenzen: Mit angepeilten mehr als 3,5 Millionen Passagieren pro Jahr stößt der Airport an die ursprünglich prognostizierten Kapazitäten. Terminal, Vorfeld und Bahn werden zwar ausgebaut, dennoch sind die Reserven nicht unbegrenzt.
Langfristig ist Memmingen mit seiner privaten Gesellschafterstruktur, den vergleichsweise günstigen Gebühren und der Lage im Dreieck München–Stuttgart–Zürich gut positioniert, um als Low-Cost-Hub im süddeutschen Raum eine feste Rolle zu spielen – wie stark das Wachstum darüber hinausgehen kann, hängt jedoch maßgeblich von der Luftfahrtpolitik und den Strategien der großen Billigfluggesellschaften ab.
Gesellschafterstruktur: Ein „Unternehmerflughafen“
Betreiber des Airports ist die Flughafen Memmingen GmbH mit ihrer Tochtergesellschaft ALLgate GmbH, die für die Passagierabfertigung zuständig ist. Der Flughafen versteht sich selbst als „Unternehmerflughafen“:
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Rund 69 Prozent der Anteile halten private Unternehmer aus der Region.
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Etwa 31 Prozent entfallen auf die Allgäu Airport GmbH & Co. KG, an der wiederum über 80 Unternehmen, Banken, Kommunen und Körperschaften beteiligt sind.
Zu den ursprünglichen Trägern gehören namhafte Mittelständler aus dem Allgäu, Logistik- und Maschinenbauunternehmen sowie regionale Finanz- und Beteiligungsgesellschaften. Über kommunale Beteiligungswege sind unter anderem die Stadt Memmingen, weitere Städte und mehrere Landkreise der Region eingebunden.
Damit ist der Flughafen Memmingen breit regional verankert – wirtschaftlich, politisch und emotional. Für viele Unternehmen ist er ein Symbol unternehmerischer Eigeninitiative, für Kritiker ein Beispiel für die Folgen des Flugverkehrs vor der eigenen Haustür. Sicher ist: Der Allgäu Airport wird auch in den nächsten Jahren eines der meistdiskutierten Infrastrukturprojekte der Region bleiben.








