Unterallgäu richtet Inobhutnahme-Familien und Kinderschutzhaus für Kinder in Not ein

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Wenn Kinder und Jugendliche in akuter Gefahr sind, muss das Jugendamt schnell handeln – oft auch nachts oder am Wochenende. Doch spontan einen Platz in einer regulären Pflegefamilie oder Jugendhilfeeinrichtung zu finden, ist häufig schwierig. Künftig sollen im Landkreis Unterallgäu daher spezielle Inobhutnahme-Familien rund um die Uhr bereitstehen und Kindern in Not unmittelbar Zuflucht bieten. Parallel plant das Jugendamt ein Kinderschutzhaus für Kinder mit besonders hohem Betreuungsbedarf.

Der Jugendhilfeausschuss sprach sich für beide Vorhaben einstimmig aus. Jugendamtsleiterin Christine Keller erklärte, das Amt sei gesetzlich verpflichtet, Kinder bei Kindeswohlgefährdung – etwa bei Vernachlässigung oder Misshandlung – in Obhut zu nehmen und sicher unterzubringen. Das gelte auch für junge Menschen, die sich aktiv Hilfe holen und aus der Familie herausgenommen werden möchten.

Für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren stehen dem Kreis künftig zwei Plätze in einer zentralen Inobhutnahme-Stelle in Buchloe zur Verfügung, die Tag und Nacht erreichbar sind. Für Kinder unter zwölf Jahren baut das Jugendamt nun auf Inobhutnahme-Familien, die kurzfristig einspringen, wenn dringend ein Platz benötigt wird – auch nachts und am Wochenende.

Um Ausfälle und Urlaube abzufangen, sind bis zu vier solcher Familien vorgesehen. Sie erhalten für das Freihalten des Platzes eine monatliche Pauschale von 250 Euro sowie eine Startpauschale von rund 2.000 Euro, um Möbel, Kleidung, Betten, Kindersitze und anderes in verschiedenen Größen anzuschaffen. Pro Jahr werden im Unterallgäu derzeit rund 40 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen.

Neben kurzfristigen Notfallplätzen fehlen dem Kreis aber auch längerfristige Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder ab etwa drei Jahren mit intensivem Förder- und Betreuungsbedarf – darunter sogenannte „Systemsprenger“. Wegen Personalmangels in bestehenden Einrichtungen sei es zunehmend schwer, überhaupt geeignete Plätze zu finden, so Keller. In mehreren Fällen sei eine Unterbringung erst „in letzter Minute“ gelungen, sonst hätten Mitarbeitende mit den Kindern notfalls im Jugendamt übernachten müssen.

In einem besonders schwierigen Einzelfall fand das Jugendamt deutschlandweit keinen passenden Langzeitplatz und musste übergangsweise eine Sonderlösung mit angemieteter Wohnung und Sicherheitsdienst organisieren. Mit dem geplanten Kinderschutzhaus soll nun eine eigene Einrichtung entstehen, auf die das Jugendamt jederzeit zugreifen und die Rahmenbedingungen flexibel an den Einzelfall anpassen kann. Für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreibt der Landkreis bereits eigene Einrichtungen.

Landrat Alex Eder warb im Ausschuss eindringlich für die Pläne. Es handle sich um zentrale Maßnahmen, um im Kinderschutz handlungsfähig zu bleiben und gleichzeitig die stark steigenden Jugendhilfekosten besser steuern zu können. Der Ausschuss unterstützte die Linie voll und gab sowohl für die Inobhutnahme-Familien als auch für das Kinderschutzhaus grünes Licht. Das Jugendamt erarbeitet nun detaillierte Umsetzungskonzepte.

Parallel beschloss der Jugendhilfeausschuss, die Schulsozialarbeit an Unterallgäuer Schulen weiter auszubauen und empfahl dem Kreistag, die vom Jugendamt vorgeschlagenen Haushaltsansätze in der Jugendhilfe zu übernehmen. Die Ausgaben steigen voraussichtlich auf 24,1 Millionen Euro im Jahr 2026. Nach Abzug der Einnahmen verbleiben rund 15,1 Millionen Euro, die der Landkreis tragen muss – etwa 1,6 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. „Diese Entwicklung haben wir nicht in der Hand“, betonte Landrat Eder. Laut Jugendamt gibt es immer mehr Fälle, die zudem immer komplexer werden.

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