Der Skandal um kranke und verdreckte Mastschweine aus Hawangen erschüttert Verbraucher*innen – und stellt zugleich die Allgäuer Landmetzgerei in Ronsberg (Ostallgäu) sowie die amtliche Kontrolle in den Mittelpunkt. Nach Veröffentlichung der Vorwürfe am 21.07.2025 stoppte die Landmetzgerei die Geschäftsbeziehung zum Zulieferer. Dennoch bleiben Fragen: Wie lange war man informiert? Welche Behörden wussten was – und wann?
Das Wichtigste in Kürze
- Lieferkette: Laut öffentlich einsehbarer „Schlachttierherkunft“ war der Hawanger Schweinemäster B. über Jahre ein Hauptlieferant.
- Zeitleiste: Bezüge aus Hawangen bis KW 29/25 (13.–19.07.2025); Vorwürfe wurden am 21.07.2025 publik.
- Behördenlage: Die KBLV (Bayerische Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen) kontrollierte am 27.06.2025 in Hawangen nach Sichtung von Videomaterial und stufte die Aufnahmen als echt ein.
- Reaktion des Betriebs: Die Landmetzgerei erklärt, nach Bekanntwerden der Vorwürfe Ermittlungen eingeleitet und die Lieferbeziehung ausgesetzt zu haben.
- Widerspruch: Nach vorliegenden Informationen gab es gegen den Zulieferer mehrere Bußgeldverfahren sowie ein (eingestelltes) Strafverfahren – also entgegen der Darstellung, der Betrieb sei nie behördlich aufgefallen.
- Marktwirkung: Verunsicherte Kund*innen (u. a. Hotels, Gastronomie, Märkte) stoppten teils Abnahmen; Ersatzmengen sind schwer zu beschaffen.
Hinweis: Einige Angaben beruhen auf vorliegenden Unterlagen, Behördenauskünften und der Stellungnahme der Landmetzgerei. Ermittlungen und weitere Recherchen laufen. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Herkunft und Geschäftsbeziehung
Über Jahre bezog die Allgäuer Landmetzgerei einen erheblichen Teil ihrer Mastschweine vom Betrieb B. in Hawangen. Auf der Website des Schlachtbetriebs wird die Schlachttierherkunft pro Produktionswoche benannt; daraus ergibt sich für KW 29/25 der letzte dokumentierte Bezug. Unmittelbar danach wurden die Tierschutzvorwürfe öffentlich.
Zeitstrahl: Was passierte wann?
- 27.06.2025: Die KBLV kontrolliert den Hawanger Betrieb intensiv, nachdem ihr Videos aus den Stallungen übermittelt wurden; die Aufnahmen werden als authentisch bewertet.
- 17.07.2025: Der Bayerische Rundfunk (BR) konfrontiert den Betrieb in Hawangen schriftlich mit den Vorwürfen.
- 13.–19.07.2025 (KW 29/25): Letzter dokumentierter Zulauf von Mastschweinen an die Landmetzgerei.
- 21.07.2025: Veröffentlichung der Vorwürfe in den Medien
- Nach Veröffentlichung: Die Landmetzgerei erklärt, die Geschäftsbeziehung bis zur behördlichen Klärung ausgesetzt zu haben.
Was die Allgäuer Landmetzgerei sagt
In einer schriftlichen Stellungnahme teilt der Betrieb mit, man habe umgehend interne Prüfungen veranlasst. Tiere würden bei Anlieferung immer kontrolliert; zusätzlich erfolgten Lebend- und Fleischbeschau durch amtliche Tierärzte. Hinweise auf Missstände habe es bei den angelieferten Tieren nicht gegeben. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe sei die Belieferung aus Hawangen gestoppt worden – bis zur Klärung durch die Behörden.
Auf Nachfrage, welche zusätzlichen Qualitätssicherungsmaßnahmen der Schlachtbetrieb künftig zur Überprüfung von Zulieferern einführt, blieb der Betrieb eine konkrete Antwort schuldig. Beobachter sehen hier Nachholbedarf bei Krisenmanagement und Transparenz.
Was daran strittig ist
Nach den vorliegenden Informationen trifft die pauschale Aussage, der Zulieferbetrieb sei „nie behördlich aufgefallen“, nicht zu:
- Es gab mehrere Bußgeldverfahren sowie ein Strafverfahren (später eingestellt).
- Bis November 2024 lag die Zuständigkeit beim Landratsamt Unterallgäu; wegen der Betriebsgröße übernahm die KBLV die Betreuung im Dezember 2024.
- Februar 2025: Erstkontrolle der KBLV am Standort Hawangen; es wurden Maßnahmen besprochen.
In der Stellungnahme der Landmetzgerei wird angeführt, hier der Auszug: „Dieser Betrieb wurde nach unserer Information regelmäßigen Kontrollen der staatlichen Aufsichtsbehörden, hier dem Veterinäramt, sowie auch der Bayerischen Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV) unterzogen. Uns liegen keine Informationen vor, dass die Behörden aufgrund schwerwiegender tierschutzrechtlicher Vergehen eine Veranlassung gesehen haben, Maßnahmen gegen den Mastbetrieb einzuleiten oder zu verhängen.“ Der Begriff „schwerwiegend“ lässt Interpretationsspielraum. Daraus ergibt sich die Kernfrage: War fachlich/praktisch bekannt, dass es Probleme gab – und wenn ja, in welchem Ausmaß?
Rolle der Aufsicht: Veterinäramt & KBLV
Die Landmetzgerei verweist auf die ständige Präsenz amtlicher Tierärzte. Nach Auskunft des Landratsamts Ostallgäu sind zwei Amtstierärzte und Assistenz im Betrieb eingesetzt; die Stellen wurden in den letzten zehn Jahren jeweils einmal neu besetzt, vorherige Amtsinhaber (Veterinäre) waren über 38 bzw. 8 Jahre in der Schlachtstätte tätig.
Zur Korruptionsprävention existiert eine Dienstanweisung („Beschäftigte müssen jeden Anschein vermeiden, für persönliche Vorteile empfänglich zu sein“). Darin werden systembezogene Indikatoren genannt: zu große Aufgabenkonzentration auf Einzelne, unzureichende Kontrollen, schwache Dienst- und Fachaufsicht, weite Ermessensspielräume; als passive Indikatoren u. a. ausbleibende Bürgerbeschwerden oder fehlende behördliche Aktionen.
Unabhängig von individuellen Vorwürfen gilt: Langeinsatz ohne Rotation kann Risikofaktoren erhöhen. Auffällig ist zudem, dass die KBLV nach vorliegenden Angaben in fünf Jahren keine Meldung vom Landratsamt Ostallgäu zum Ronsberger Betrieb erhalten hat – für einen Schlachtbetrieb dieser Größe ungewöhnlich.
Gesetzlicher Auftrag der Amtstierärzte (Kurzüberblick)
- Tierschutzkontrolle: Haltung, Transport, Betäubung/Tötung.
- Lebensmittel- & Futtermittelkontrolle: Vermeidung gesundheitsschädlicher Stoffe.
- Tierseuchenkontrolle: Prävention und Unterbindung von Seuchenausbrüchen.
- Schlachttier- & Fleischuntersuchung: Prüfung der Genusstauglichkeit vor und nach der Schlachtung.
Ziel ist stets der Schutz der Verbraucher*innen und die Einhaltung gesetzlicher Anforderungen.
Auswirkungen im Markt
Nach Bekanntwerden der Vorwürfe stoppten Hotels, Gastronomie und Märkte teils ihre Abnahmen. Das erschwert die Sicherstellung der Liefermengen und belastet vor- wie nachgelagerte Betriebe. Die Landmetzgerei teilte intern eine einheitliche Sprachregelung für Kundengespräche aus.
Offene Fragen (die jetzt beantwortet werden sollten)
- Welche zusätzlichen Prüf- und Auditkriterien will die Landmetzgerei künftig bei Zulieferern anwenden (Ankündigungen, Fristen, externe Audits)?
- Welche Feststellungen traf das Veterinäramt beim Landratsamt Ostallgäu bis heute – und welche Auflagen, bzw. Massnahmen folgten?
- Wie wird die Rotation und Aufsicht amtlicher Tierärzte künftig im Landratsamt Ostallgäu organisiert, um Risikofaktoren zu minimieren?
Fazit
Der Fall Hawangen ist mehr als ein einzelner Tierschutzskandal. Er zeigt Schwachstellen in Lieferketten-Compliance, Kommunikation und Aufsichtspraxis. Für das Vertrauen der Verbraucher*innen braucht es jetzt messbare Maßnahmen, offene Kommunikation und konsequente Kontrollen – vom Stall bis zur Theke.
Transparenz-Hinweis | Dieser Beitrag basiert auf den bereitgestellten Informationen, Stellungnahmen und behördlichen Angaben. Ermittlungen und weitere Recherchen laufen, daher können sich Sachstände ändern. Stand: 14.08.2025.
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