Neu-Ulm – Fast jeder zweite Flüchtling leidet unter einem Trauma

Foto: AktivNews

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Gewalterfahrungen im Heimatland und auf der Flucht sind die Ursachen – Psychotherapeutin Priv. Doz. Dr. Regina A. Kurth berichtete bei ihrem Vortrag im Landratsamt aus der Praxis

Viele der Flüchtlinge, die in diesen Wochen und Monaten Zuflucht in Deutschland suchen, sind nicht nur von den Strapazen ihrer Flucht körperlich gezeichnet, sondern durch die schrecklichen Erlebnisse in ihrem Heimatland und auf ihrer Odyssee nach und durch Europa auch psychisch schwer angeschlagen. Priv. Doz. Dr. Regina A. Kurth, Psychotherapeutin vom Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm (BFU), sprach bei ihrem Vortrag vor 50 interessierten Flüchtlingshelferinnen und -helfern im Landratsamt Neu-Ulm von „sequentieller Traumatisierung“, das heißt, der Patient war mehreren aufeinanderfolgenden belastenden Phasen ausgesetzt.

Eine Traumatisierung beziehungsweise Traumafolgestörung könne, so Dr. Kurth, entstehen, wenn der Mensch mit einem außergewöhnlichen Ereignis konfrontiert werde, das eine Bedrohung für sein Leben oder seine körperliche Unversehrtheit darstelle oder das er als solches empfinde. Es handele sich dabei stets um eine unmittelbare Begegnung mit Gewalt oder Tod für die eigene oder eine andere Person und ist deshalb immer mit extremer Angst, Hilflosigkeit und erlebtem Kontrollverlust verbunden. In der Folge komme es häufig zu einem „belastenden Wiedererleben“: Plötzlich gehen dem Traumatisierten im Schlaf oder im Wachzustand Bilder und Geräusche der erlebten Grausamkeiten durch den Kopf. Der Horrorfilm im Gehirn läuft immer und immer wieder ab, ohne dass er beeinflusst oder gar gestoppt werden könnte. Damit einhergehen laut Dr. Kurth mitunter Übererregbarkeit, Schlafstörungen, fehlende Entspannungsfähigkeit, Schreckhaftigkeit sowie Vermeidung. Depressionen und psychosomatische Beschwerden können als weitere Traumafolgestörungen auftreten.

Was kann man dagegen tun? Grundsätzlich gelte, so die Psychotherapeutin: „Wenn der Patient seine Trauma-Symptome versteht, also weiß, warum er darunter leidet, dann hat er gute Chancen, sie zu überwinden.“ Aus der schmerzenden Wunde sei dann eine Narbe geworden, die nicht mehr weh tut, „sobald sich der Patient an sein Trauma erinnern kann, ohne dass es ihn weiter belastet“.

40 bis 50 Prozent aller Flüchtlinge leiden nach wissenschaftlichen Schätzungen unter Traumafolgestörungen, die psychotherapeutisch behandelt werden müssten. Dafür fehlten aber in Deutschland die psychotherapeutischen Kapazitäten, so Dr. Kurth.

Professionelle Hilfe tut also Not. Das gilt auch für die Betreuung der Asylsuchenden. Ehrenamtlichen Flüchtlingshelferinnen und -helfern rät die Fachfrau: „Professionalisieren Sie sich, beachten Sie ihre eigenen Grenzen, setzen Sie sich realistische Ziele und lassen Sie sich bei ihrer Arbeit mit Flüchtlingen unterstützen. Tun Sie nur das, was Sie tun können, wofür Sie ausgebildet sind. Alleingänge, Aktionismus und übertriebene Fürsorge sind schädlich.“

Professionalität baut sich auf durch Fortbildungen und regelmäßigen Austausch mit Experten, zum Beispiel in Form einer Supervision. Insofern liegen die Integrationsbeauftragte des Landkreises Neu-Ulm, Mirjam Schlosser, und Gudrun Grüninger von der Asyl-Sozialberatung der Diakonie mit der Vortragsreihe, die sie zusammen organisiert haben, genau richtig. In den nächsten Wochen gibt es die weiteren Vorträge:

  • November 2015, 9 bis 12 Uhr: Türöffner und Stolpersteine im interkulturellen Kontext.
  • November 2015, 9 bis 12 Uhr: Gewalt und Deeskalation in Theorie und Praxis.
  • November 2015, 17 bis 19 Uhr: Fragen rund um die Aufnahme von Arbeit und Ausbildung.
  • Januar 2016, 17 bis 20 Uhr: Gesundheitsvorsorge von Flüchtlingen.
  • Februar 2016, 17 bis 20 Uhr: Besondere Schutzmaßnahmen für von Gewalt betroffenen Frauen und Kinder während des Asylverfahrens.
  • März 2016, 17 bis 20 Uhr: Anerkennung von ausländischen Schul- und Berufsabschlüssen von Flüchtlingen.

 

Alle Veranstaltungen finden im Landratsamt statt, außer die am 27. November 2015; sie wird im Johanneshaus in Neu-Ulm (Johannesplatz 4) ausgetragen.

Nähere Informationen gibt es im Internet unter: www.landkreis.neu-ulm.de/de/details/asyl-article-20011497.html