eResCopter im Unterallgäu: Wie ein fliegender Notarztwagen die Luftrettung revolutionieren soll

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Unterallgäu / Memmingen: eResCopter soll als fliegender Notarztwagen Versorgung im ländlichen Raum verbessern

Im Unterallgäu und in Memmingen wird aktuell an einem Projekt gearbeitet, das die medizinische Versorgung im ländlichen Raum spürbar verändern könnte: dem System eResCopter. Hinter dem Namen steckt nicht nur ein neues Luftfahrzeug, sondern ein komplettes Mobilitätskonzept für zeitkritische Patiententransporte – inklusive eigener Infrastruktur, neuer Abläufe und einem speziell entwickelten eVTOL-Flugzeug.

Die Gesundheitsregionplus Unterallgäu–Memmingen wurde vom Freistaat als Modellregion ausgewählt. Ziel: Wegezeiten zwischen Kliniken verkürzen und Patientinnen und Patienten mit Diagnosen wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder schweren Mehrfachverletzungen schneller in spezialisierte Zentren bringen.

Klassische Rettungsmittel stoßen dabei an Grenzen:

  • Rettungswagen sind auf mittleren Distanzen oft zu langsam,

  • Rettungshubschrauber sind teuer, laut und für Verlegungen nicht immer verfügbar.

Der eResCopter soll diese Lücke ergänzend schließen – nicht als Ersatz, sondern als zusätzliches, flexibles Luftrettungsmittel.


Mehr als ein Fluggerät: Was das „System eResCopter“ umfasst

Als „System“ ist der eResCopter deutlich breiter angelegt als ein einzelnes Fluggerät. Zum Konzept gehören unter anderem:

  • neue Leitstellenprozesse und Dispositionsregeln,

  • medizinische Standards und Einsatzprotokolle,

  • Start-, Lande- und Ladepunkte direkt an Kliniken,

  • ein abgestimmtes Zusammenspiel mit RTW/NEF und Rettungshubschraubern.

Der eResCopter soll perspektivisch in drei Einsatzrollen genutzt werden:

  1. Primärtransporte – von der Einsatzstelle direkt in eine geeignete Klinik,

  2. Sekundärverlegungen – schnelle Transporte zwischen Kliniken,

  3. Tertiärtransporte – z. B. Transport von Spezialteams oder hochspezialisierter Technik.

Getragen wird das Projekt von einem breiten Bündnis:

  • die eRC-System GmbH (IABG-Beteiligung) entwickelt das Fluggerät gemeinsam mit der TU München,

  • medizinische Expertise kommt u. a. vom Klinikum rechts der Isar,

  • die DRF Luftrettung bringt operative Erfahrung ein,

  • die TH Rosenheim übernimmt wissenschaftliche Evaluation,

  • Stadt Memmingen und Landkreis Unterallgäu koordinieren die Modellregion.


„Charlie“: Das eVTOL-Flugzeug als Herzstück des Systems

Technische Basis des eResCopter-Systems ist das eVTOL-Flugzeug „Charlie“ von ERC System. Es handelt sich um einen elektrisch angetriebenen Senkrechtstarter mit festem Flügel:

  • Start und Landung erfolgen vertikal wie bei einem Hubschrauber,

  • im Reiseflug sorgt der Flügel für Auftrieb – ähnlich wie bei einem Flugzeug.

Dieses Konzept verbindet die Flexibilität von Helikoptern mit der Effizienz und Reichweite von Flugzeugen.

Antrieb und Sicherheit
Charlie setzt auf ein verteiltes elektrisches Antriebssystem mit zehn Propellern:

  • acht Propeller für Start und Landung auf seitlichen Auslegern,

  • zwei Propeller am Flügel für den Vorwärtsflug.

Die sogenannte „Distributed Electric Propulsion“ schafft Redundanz: Fällt ein Motor aus, können die übrigen den Flug stabil weiterführen – ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Zulassung.

Nutzlast, Reichweite und Kabine

Der eResCopter ist konsequent für den medizinischen Auftrag ausgelegt:

  • Nutzlast: rund 450 kg – ausreichend für Pilotin oder Pilot, Notärztin/Notarzt, Patientin/Patient und medizinisches Equipment,

  • Reisegeschwindigkeit: etwa 180–200 km/h,

  • Reichweite: rund 190 km im rein elektrischen Betrieb.

Die Kabine bietet etwa 5 m³ Volumen und ist über eine große Hecköffnung (ca. 1,4 × 1,4 m) gut mit einer Trage zugänglich – ähnlich der Beladung eines bodengebundenen Rettungswagens.

Die Batterien sind im Flügel integriert, was die Struktur effizient nutzt und die Masse günstig verteilt. Schnelllade-Konzepte zielen darauf, die Akkus in etwa 20 Minuten wieder auf rund 80 % zu bringen, um mehrere Einsätze pro Tag zu ermöglichen.


Entwicklungsstufen: Von Echo über Romeo zum eResCopter

Der Weg zum einsatzbereiten eResCopter führt über mehrere Demonstratoren und Prototypen:

  • Echo: erster Großdemonstrator im Maßstab 1:1, ohne medizinische Kabine, aber mit vollständigem Auftriebssystem und Batterien – genutzt, um Energiemanagement, Steuerung und Redundanz im Schwebeflug zu testen.

  • Romeo: vollmaßstäblicher Technologiedemonstrator, der in Größe und Gewicht bereits dem späteren Serienmuster entspricht und die Kombination aus Lift-System, Tragflächen, Rumpf und Fahrwerk erprobt.

  • Charlie: Serienziel und Basis des eResCopter-Systems, ausgelegt für Pilot, medizinische Fachkraft und liegende Patientin bzw. liegenden Patienten.

Prototypen stehen bereits in den Hangars, Testflüge mit den Technologieträgern laufen – mit dem Ziel, die Systeme schrittweise in Richtung Serienreife zu bringen.


Modellregion Unterallgäu–Memmingen: Laborbedingungen im echten Rettungsalltag

Parallel zur Flugzeugentwicklung wurde die Gesundheitsregionplus Unterallgäu–Memmingen als bundesweit einzigartige Modellregion aufgebaut. Hier soll das Gesamtsystem eResCopter unter realen Bedingungen erprobt werden.

Geplant sind unter anderem:

  • Aufbau und Test von Kliniklandeplätzen und Ladeinfrastruktur,

  • Integration des eResCopter in die Integrierte Leitstelle,

  • Definition von medizinischen Indikationen und Dispositionskriterien,

  • Evaluation von Nutzen, Kosten, Lärm, Akzeptanz und Auswirkungen auf bestehende Rettungsmittel.

Die DRF Luftrettung will die Potenziale von eVTOL-Fluggeräten zunächst im Rahmen eines Pilotprojekts insbesondere für Klinik-zu-Klinik-Verlegungen testen. Im Vordergrund stehen Abläufe, Zusammenarbeit und Einsatzszenarien – noch nicht der sofortige Vollbetrieb.


Zulassung, Zeitplan und offene Fragen

Wie andere eVTOL-Projekte in Europa bewegt sich auch der eResCopter im Zulassungsrahmen der EASA-Sonderbedingungen für VTOL-Luftfahrzeuge (SC-VTOL). Gefordert sind u. a.:

  • hohe Sicherheitsreserven und Redundanzen,

  • klare Anforderungen an Crashsicherheit und Brandschutz,

  • definierte Lärm- und Betriebsgrenzen.

Aus Sicht der Region gilt: Ein Regelbetrieb kommt erst in Frage, wenn belastbare Zertifizierungen vorliegen.

Der grobe Fahrplan:

  • Echo und Romeo testen Antrieb, Energiemanagement und Flugverhalten,

  • ab Mitte der 2020er Jahre: Pilotprojekte in der Modellregion mit Fokus auf Prozesse und Infrastruktur,

  • gegen Ende des Jahrzehnts: anvisierte Zulassung der Serienversion, erst dann reguläre Patiententransporte im Alltag denkbar.


Einordnung: Große Chancen, klare Hürden

Die Erwartungen an den eResCopter sind hoch:

  • schnellere Klinik-zu-Klinik-Transporte,

  • lokal emissionsfreier Flug,

  • potenziell geringere Kosten in bestimmten Szenarien im Vergleich zum Hubschrauber,

  • bessere Erreichbarkeit spezialisierter Zentren im ländlichen Raum.

Gleichzeitig bleiben wichtige Fragen offen:

  • Welche Einsatzarten eignen sich tatsächlich?

  • Wie zuverlässig funktionieren eVTOL-Systeme bei Winterwetter im Allgäu?

  • Wie aufwändig ist die notwendige Infrastruktur an kleineren Kliniken?

  • Wie groß ist die Akzeptanz bei Bevölkerung, Personal und Leitstellen?

Die Modellregion Unterallgäu–Memmingen soll genau diese Punkte klären – und damit mitentscheiden, ob der fliegende Notarztwagen künftig zum festen Bestandteil der Luftrettung in Deutschland wird.

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