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Montag. 29. November 2021 / 48

COVID-19 | Memmingen: Mediziner rufen bei Pressegespräch zur Corona-Schutzimpfung auf

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Mediziner rufen bei Pressegespräch im Rathaus zur Corona-Schutzimpfung auf – Jüngere Patienten auf Intensiv fast alle ungeimpft

Die aktuelle Corona-Lage in Memmingen ist kritisch. Die Versorgung von derzeit über 40 Corona-Patienten im Klinikum Memmingen, darunter acht bis zehn auf der Intensivstation, ist ein Kraftakt. Die ambulante Versorgung in den niedergelassenen Arztpraxen ist schon ohne Corona durch zwölf unbesetzte Hausarztsitze eine Herausforderung. Zahllose Testungen von positiv Getesteten mit Symptomen und Impfungen kommen für niedergelassene Medizinerinnen und Mediziner derzeit noch dazu. Im Impfzentrum werden aktuell rund 500 Personen täglich geimpft, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten schnell und routiniert, so dass eine Impfung im Schnitt nur noch eineinhalb Minuten dauert. Dass eine Impfung ein kostbares Gut ist, zeigen die langen Warteschlangen vor dem Impfzentrum oder vor dem Impfbus. „Die Corona-Lage ist angespannt und dramatisch. Deshalb mein Appell: Lassen Sie sich impfen! Der kleine Piks ist das akzeptablere Übel als eine Covid19-Infektion“, mahnte Oberbürgermeister Manfred Schilder eindringlich bei einem Expertengespräch vor Medienvertreterinnen und Medienvertretern im Rathaus.

Oberbürgermeister Manfred Schilder: Im Impfzentrum wird unter Hochdruck geimpft, und nur mit möglichst vielen Impfungen kommen wir langfristig aus der Pandemie. Kurzfristig gesehen, hilft uns aktuell nur eine deutliche Reduzierung unserer Kontakte. In der Stadtverwaltung wurden daher viele Veranstaltungen abgesagt. Über den Sommer wurde das Impfzentrum aufrechterhalten. Jetzt konnte mehr Personal gewonnen werden, und die Öffnungszeiten werden zum 1. Dezember ausgeweitet auf 8 bis 22 Uhr mit Pausen zum Desinfizieren und Lüften. Für ältere Menschen, die eine Auffrischungsimpfung möchten, wird am 16. Und 17. Dezember (jeweils 14-18 Uhr) erstmals eine Impfung an der Turnhalle der Theodor-Heuss-Schule im Memminger Westen angeboten. Die Impflinge können dort im Warmen sitzend warten.

 

Prof. Dr. Andreas May, Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Klinikum Memmingen und Intensivmediziner: Die Lage auf der Intensivstation ist angespannt. Wir haben in Memmingen eine operative und eine internistische Intensivstation mit je ca. zehn Betten. Die internistische Intensivstation, die sonst nach Schlaganfall, Herzinfarkt etc. gebraucht wird, ist seit fünf Wochen eine reine Covid-Intensivstation. Wir betreuen heute (24.11.) acht Covid-Patienten auf Intensiv, darunter einen 38-Jährigen und einen 41-Jährigen. Ein Patient ist vergangene Nacht verstorben. Von diesen neun Patienten sind sechs ungeimpft und drei geimpft – allerdings noch ohne Boosterimpfung. Insgesamt waren in den vergangenen Wochen von unseren Patienten auf der Intensivstation 80 Prozent ungeimpft und 20 Prozent geimpft, jedoch ohne Boosterimpfung. Wir mussten noch keine 3-fach geimpften Patienten auf der Intensivstation behandeln. Ein Drittel der Patienten ist unter 60 Jahre alt, fast alle jüngeren Intensivpatienten sind ungeimpft. Der Altersdurchschnitt auf Intensiv liegt bei 68 Jahren. In den vergangenen Wochen sind 44 Prozent unserer Patienten auf der Covid-Intensivstation verstorben, das ist eine sehr hohe Quote.

 

Maximilian Mai, Vorstand des Klinikums Memmingen:

Wir haben derzeit über 40 Corona-positive Patienten – diese Zahl hatten wir im vergangenen Jahr erst einen Monat später. Aber wir haben eine gewisse Zuversicht, die Lage im Griff behalten zu können, sofern die Appelle nach Kontaktreduzierung und Impfen fruchten. Bitte lassen Sie sich impfen – eine fünf Prozent höhere Impfquote bedeutet in den Modellrechnungen 30 Prozent weniger stationäre Fälle!

Die Intensivbetten wurden gegenüber der letzten Welle im Mai um zwei Betten und damit um ca. zehn Prozent erhöht. Zusätzlich wurde im Oktober eine Überwachungsstation Plus mit sechs Betten neu eingerichtet, welche als Zwischenstation zwischen Intensivstation und Normalstation die Intensivkapazitäten entlastet.

Das Klinikum wird durch die Bundeswehr unterstützt mit fünf Soldaten im Rahmen der Aktion „Helfende Hände“.

Die Beschäftigten des Klinikums haben bereits Anfang Oktober die ersten Boosterimpfungen erhalten, demnächst werden weitere Auffrischungsimpfungen für das Personal möglich gemacht.

Der wichtigste Aspekt für uns ist der Blick auf die Beschäftigten des Klinikums. Sie sind aktuell mehrfach belastet: 1. durch eine höhere Arbeitsbelastung mit Corona-Patienten, 2. durch ein höheres persönliches Infektionsrisiko, 3. sie leiden unter den gleichen Beschränkungen im Alltag wie alle anderen auch, 4. werden an sie aufgrund ihrer Arbeit mit Kranken höhere Erwartungen gerichtet, was das persönliche verantwortungsvolle Verhalten angeht. Daher gilt Ihnen jeden Tag umso mehr aufs Neue unser größter Respekt.

Thomas Schuhmaier, Leiter des Referats für Öffentliche Sicherheit und Ordnung, zu dem Gesundheitsamt und Ordnungsamt gehören: Es sind aktuell enorm viele Fälle von Neuinfizierten durch unser relativ kleines Gesundheitsamt zu bewältigen. In der vergangenen Woche waren es über 230 Fälle. Das Stammpersonal wird unterstützt durch Kollegen aus der Stadtverwaltung, die ins Gesundheitsamt abgeordnet wurden, und durch fünf Soldaten der Bundeswehr aus Füssen. Dies ist eine sehr wichtige und wertvolle Unterstützung! Es wird an sieben Tagen in der Woche gearbeitet, und es funktioniert noch, alle Fälle zu bearbeiten. Oft müssen die Kontaktdaten erst ermittelt werden, und die engen Kontaktpersonen, in der Regel die Familie, werden getestet. Durch die sehr ansteckende Deltavariante kommt es häufig vor, dass sich die ganze Familie infiziert.

Die Polizei kontrolliert gemeinsam mit dem Gesundheitsamt und dem Ordnungsamt die Einhaltung der aktuellen Regelungen. Es sind Stichpunktkontrollen. Die meisten Menschen reagieren sehr positiv auf die Kontrollen, aber es wurden auch schon gefälschte Impfnachweise festgestellt.

Dr. Hardy Götzfried, Ärztlicher Leiter des Impfzentrums Memmingen: Der Andrang im Impfzentrum ist sehr groß. Etwa ein Drittel der Impfwilligen möchte eine Erstimpfung. Um möglichst vielen Menschen eine Impfung zu ermöglichen, haben wir uns bewusst gegen ein Terminvergabesystem entschieden. Die Wartezeiten sind das kleineres Übel im Vergleich zu einer Infektion. Ältere, gebrechliche Personen werden in der Warteschlange von unseren Mitarbeitern nach vorne geholt, dafür bitten wir die Jüngeren um Verständnis. Wir versuchen so viele Impfungen anzubieten, wie es nur möglich ist.

Es kommt immer wieder vor, dass Menschen Emails mit falschen Behauptungen zum Impfen schreiben. Gestern hat jemand in der Warteschlange vor dem Impfzentrum plötzlich gerufen, dass kein Impfstoff mehr da sei und damit für Unruhe gesorgt. Das ist natürlich völlig falsch, wir haben genug Impfstoff. Ich persönlich finde es sehr traurig, dass manche versuchen, andere von einer Impfung abzuhalten.

Dr. Jan Henrik Sperling, Ärztlicher Koordinator für Corona in Memmingen: Ebenso wie die stationäre Versorgung stößt die ambulante Versorgung in dieser vierten Welle an die Kapazitätsgrenze. Wir haben ein hervorragendes Gesundheitssystem in Deutschland, aber es muss in alle Köpfe hinein, dass es aktuell besorgniserregend belastet ist. Mit zwölf vakanten Hausarztsitzen ist bereits die Regelversorgung, also das Alltagsgeschäft der Hausarztpraxen mit Betreuung akuter und chronischer Patienten und Patientinnen angespannt. Nun kommt durch die Corona-Pandemie ein enormer Aufwand hinzu: zusätzliche Infekt-Sprechstunden mit PCR-Testungen und die Covid-19-Impfungen. Die medizinischen Fachangestellten sowie die Ärztinnen und Ärzte arbeiten bis zur körperlichen und psychischen Erschöpfung. Beispielhaft sei erwähnt, dass das Telefonaufkommen derzeit täglich fast so hoch ist wie früher in knapp einer Woche. Die Rettungsdienste bringen ihre Patienten erschwert in den regionalen Krankenhäusern unter. Elektive Operationen wie, zum Beispiel Implantationen künstlicher Gelenke, fallen aus. Wir können diese vierte Welle nur durch Solidarität und Zusammenhalt brechen und gemeinsam die Pandemie in Griff bekommen. Ich verstehe, dass manche Sorgen wegen einer Impfung haben, aber es gibt keine bessere Alternative. Hier ist die wissenschaftliche Datenlage eindeutig: Impfen ist höchst wirksam. Exemplarisch zeigt eine groß angelegte Studie aus England, dass 480 Impfungen Auffrischungsimpfungen bei über 65-Jährigen eine stationäre Einweisung ins Krankenhaus vermeiden. Die nächsten Wochen werden eine große Belastungsprobe, darum helfen Sie mit: lassen Sie sich gegen Covid 19 impfen, ob „Booster“ oder Erstimpfung.

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