Nach dem Fund einer Leiche in einem leerstehenden Gebäude in der Freudentalstraße in Memmingen steht fest: Bei dem Toten handelt es sich um den seit Samstag vermissten 14-jährigen Jermaine R. aus Memmingen. Das teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag, 5. Mai 2026, mit. Nach Angaben der Ermittler bestätigte die Obduktion eine Gewalteinwirkung gegen den Hals. Die Behörden gehen von einem Tötungsdelikt aus.
Die Mutter des Jugendlichen hatte ihren Sohn nach Angaben eines Polizeisprechers am Sonntagabend, 3. Mai 2026, gegen 21.20 Uhr bei der Polizei als vermisst gemeldet. Bei der Vermisstenanzeige sei der Polizei demnach lediglich mitgeteilt worden, dass der 14-Jährige nicht nach Hause zurückgekehrt sei. Hinweise auf eine mögliche Vorgeschichte, eine Freiheitsberaubung, eine Geisellage, Drogenbezug oder andere Straftaten seien zu diesem Zeitpunkt nicht gemacht worden.
Damit musste die Polizei zunächst von einer Vermisstensache ausgehen, bei der sich ein 14-jähriger Jugendlicher möglicherweise ohne kriminellen Hintergrund nicht zu Hause aufhielt. Wären der Polizei bereits zu diesem Zeitpunkt weitere Umstände bekannt gewesen, wie sie später in einem vorliegenden Chatverlauf thematisiert wurden, hätte dies nach Einschätzung der Behörden zu einer anderen Bewertung und einem deutlich umfangreicheren Einsatzgeschehen führen können.
Am Montagvormittag, 4. Mai, wurde im Zuge der Vermisstensuche schließlich eine tote Person in dem leerstehenden Gebäude entdeckt. Die Kriminalpolizei Neu-Ulm führt die Ermittlungen unter Sachleitung der Staatsanwaltschaft Memmingen.
Verdächtiger versteckte sich offenbar in leerstehendem Gebäude

Bereits in der Nacht von Sonntag auf Montag war es in dem leerstehenden Gebäude in der Freudentalstraße zu einem gefährlichen Zwischenfall gekommen. Gegen 3 Uhr am Montagmorgen, 4. Mai 2026, trafen Polizeibeamte nach offiziellen Angaben auf einen Mann, der sich in einem Schrank versteckt hielt. Der 37-jährige Quais soll sich aggressiv verhalten und die Beamten mit einem Messer bedroht haben. Anschließend flüchtete er. Verletzt wurde dabei niemand.
Nach diesem Vorfall leitete die Polizei umfangreiche Fahndungsmaßnahmen ein. Gegen 18.19 Uhr ging bei der Polizei ein Hinweis ein, dass sich der Tatverdächtige im Bereich des Hallenbades an der Wielandstraße in Memmingen aufhalten könnte.
Polizeieinsatz am Hallenbad endet tödlich

Gegen 18.30 Uhr begaben sich fünf zivile Polizeibeamte des Polizeipräsidiums Schwaben Nord zur Wielandstraße. Nach aktuellem Ermittlungsstand trafen sie den 37-jährigen Mann auf der Treppe vor dem Hallenbad an und wollten ihn festnehmen.
Als der Mann die Beamten bemerkte, soll er zunächst versucht haben zu fliehen. Die Polizisten verfolgten ihn und gaben sich nach eigenen Angaben als Polizeibeamte zu erkennen. Daraufhin habe der Tatverdächtige abrupt angehalten, sich umgedreht und sei mit einem Messer in der Hand auf die Beamten zugegangen.
Laut Polizei forderten die Beamten den Mann mehrfach lautstark auf, das Messer abzulegen. Da er weiter auf sie zugegangen sei und sich die Entfernung zunehmend verringerte, gaben die Beamten Schüsse auf den Mann ab. Der 37-Jährige wurde mehrfach am Körper getroffen.
Trotz seiner Verletzungen habe er das Messer zunächst nicht losgelassen. Erst mit Unterstützung eines weiteren Beamten, der mit einem Schild eingriff, konnte der Mann entwaffnet werden. Anschließend wurde er medizinisch versorgt. Trotz sofort eingeleiteter Reanimationsmaßnahmen starb der Tatverdächtige kurze Zeit später im Klinikum Memmingen.
Die eingesetzten Beamten blieben körperlich unverletzt. Auch unbeteiligte Personen wurden nach Polizeiangaben nicht verletzt. Für Zeugen und Beteiligte dürften die Ereignisse dennoch eine erhebliche Belastung darstellen.
Die Ermittlungen zum Schusswaffengebrauch wurden zuständigkeitshalber vom Bayerischen Landeskriminalamt unter Sachleitung der Staatsanwaltschaft Memmingen übernommen. Die Obduktion des verstorbenen Tatverdächtigen wurde angeordnet.
Eltern wussten offenbar von Kontakt zum späteren Tatverdächtigen
Nach dem Fund des getöteten Jugendlichen sprach der Vater des 14-Jährigen mit der BILD-Zeitung. In diesem Gespräch sagte er demnach, dass er und seine Ex-Freundin von Treffen zwischen ihrem Sohn und dem 37-jährigen Mann gewusst hätten. Persönlich hätten sie den Mann jedoch nicht gekannt. Er sei ihnen aber „suspekt“ gewesen.
Nach Darstellung des Vaters hätten die Eltern Jermaine den Kontakt zu dem Mann verboten. Der Jugendliche habe sich jedoch nicht darangehalten. Diese Angaben werfen zusätzliche Fragen dazu auf, wie lange der Kontakt zwischen dem 14-Jährigen und dem späteren Tatverdächtigen bereits bestand und welche Rolle diese Bekanntschaft im weiteren Tatgeschehen gespielt haben könnte.
Im selben Gespräch berichtete der Vater laut BILD außerdem, dass der Junge am Sonntagabend nicht nach Hause gekommen sei. Daraufhin sei Vermisstenanzeige bei der Polizei erstattet worden. Nach den nun vorliegenden Angaben der Polizei wurde diese Vermisstenanzeige gegen 21.20 Uhr durch die Mutter gestellt. Eine mögliche Vorgeschichte oder Hinweise auf Straftaten seien dabei jedoch nicht mitgeteilt worden.
Chatverlauf wirft Fragen zum Verlauf der Vermisstensuche auf
Neben den offiziellen Angaben liegt der Redaktion ein Chatverlauf vor, der nach Angaben aus dem Umfeld zwischen der Mutter des getöteten Jugendlichen und einer weiteren Person geführt worden sein soll. Daraus ergeben sich Hinweise darauf, dass am Sonntagabend, 2. Mai 2026, von einer möglichen Freiheitsberaubung, einem Drogenbezug und einer akuten Gefährdung des Jugendlichen die Rede gewesen sein könnte.
In dem Chat fragt der/die Gesprächspartner/in gegen 21.44 Uhr offenbar, ob die Mutter bei der Polizei sei. Um 22.08 Uhr antwortet diese demnach, dass nun nach ihrem Sohn gesucht werde. Kurz darauf schreibt sie sinngemäß, es gehe um Drogen und Jermaine müsse „als Geisel“ darunter leiden. Gegen 22.27 Uhr ist in dem Chat die Rede davon, die Kriminalpolizei habe von einer „krassen Entführung unter Drogeneinfluss und Drogenhandel“ gesprochen. Die Mutter äußert zudem große Sorge um das Leben ihres Sohnes.
Diese Angaben stehen in einem auffälligen Spannungsverhältnis zu den Informationen, die der Polizei nach deren Darstellung bei der Vermisstenanzeige übermittelt wurden. Nach Angaben eines Polizeisprechers sei dort lediglich gemeldet worden, dass der Jugendliche nicht nach Hause zurückgekehrt sei. Zu einer Vorgeschichte oder möglichen Straftaten seien keine Angaben gemacht worden.
Unklar bleibt damit, ob die im Chat genannten Befürchtungen und Hintergründe der Polizei zu diesem Zeitpunkt tatsächlich bekannt waren oder ob sie nur im privaten Austausch thematisiert wurden. Genau dieser Punkt dürfte für die weitere Aufarbeitung und Ermittlungen von zentraler Bedeutung sein.
Warum wurde zunächst von einer Vermisstensache ausgegangen?
Nach den aktuellen Angaben der Polizei erklärt sich das anfängliche Vorgehen dadurch, dass bei der Vermisstenanzeige keine Hinweise auf eine Straftat mitgeteilt worden seien. Die Polizei musste demnach zunächst davon ausgehen, dass ein 14-jähriger Jugendlicher nicht nach Hause zurückgekehrt war und sich möglicherweise eigenständig im Stadtgebiet oder im Umfeld aufhielt.
Wären der Polizei bereits am Sonntagabend konkrete Hinweise auf eine Entführung, Freiheitsberaubung, Bedrohungslage oder einen Drogenbezug bekannt gewesen, hätte dies nach polizeilicher Einschätzung zu einer anderen Lagebewertung geführt. In einem solchen Fall wären voraussichtlich deutlich umfangreichere Einsatzmaßnahmen geprüft oder eingeleitet worden.
Nach außen wirkte die Suche zunächst wie eine reguläre Vermisstensache ohne öffentlich bekannten kriminellen Hintergrund. Erst nach dem Vorfall in dem leerstehenden Gebäude, bei dem der spätere Tatverdächtige die Beamten mit einem Messer bedroht haben soll, liefen umfangreichere Fahndungsmaßnahmen an. Unter anderem kam ein Polizeihubschrauber und Spezialeinsatzkräfte (SEK) zum Einsatz.
Offen bleibt auch, ob der 14-Jährige zum Zeitpunkt der Vermisstenanzeige noch lebte. Diese Frage könnte die rechtsmedizinische Untersuchung klären. Auch hierzu machte die Staatsanwaltschaft mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen bislang keine weiteren Angaben.
Leiche offenbar erst bei erneuter Durchsuchung entdeckt
Nach bisherigen Informationen wurde das leerstehende Gebäude in der Freudentalstraße bereits in der Nacht von Sonntag auf Montag, 4. Mai 2026, von Polizeikräften betreten und durchsucht. In dieser Nacht kam es gegen 3 Uhr zu der Messerbedrohung durch den späteren Tatverdächtigen. Dabei soll die Leiche des Jugendlichen zunächst nicht entdeckt worden sein.
Erst am Montagvormittag wurde der Tote bei einer erneuten Durchsuchung gefunden. Auch dieser Umstand dürfte Teil der weiteren Aufarbeitung sein.
Ermittler werten Handy, Chats, Bewegungsdaten und Videomaterial aus
Im Fall Jermaine R. setzen die Ermittler nun zahlreiche Spuren zusammen, um die letzten Wochen, Tage und Stunden im Leben des Jugendlichen nachzuvollziehen. Nach Polizeiangaben wurde das Handy des 37-jährigen Tatverdächtigen durch die Kriminalpolizei Neu-Ulm ausgelesen. Dabei werden Chatverläufe und Telefonate ausgewertet.
Ebenso analysieren die Ermittler die Bewegungsdaten des Mannes. Zudem werde umfangreiches Videomaterial aus Überwachungskameras geprüft. Ziel ist es, jedes einzelne Mosaiksteinchen zusammenzufügen, um die Kontakte, Wege und Ereignisse vor dem Tod des 14-Jährigen möglichst genau zu rekonstruieren.
Die Ermittlungen laufen weiter. Polizei und Staatsanwaltschaft machten mit Verweis auf das laufende Verfahren zunächst keine weiteren Angaben zu den Hintergründen der Tat.
Zeugen, die Hinweise geben können, werden gebeten, sich bei der Kriminalpolizei Neu-Ulm unter der Telefonnummer 0731 / 8013-0 zu melden.
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