Weniger Straftaten – und trotzdem mehr Unsicherheit? Diese Frage wird in Bayern jedes Jahr neu gestellt, wenn die Kriminalstatistik vorgestellt wird. Auf dem Papier klingt die Lage oft beruhigend: sinkende Fallzahlen, eine hohe Aufklärungsquote, eine Polizei, die konsequent arbeitet. Doch wer Sicherheit nur an Zahlen misst, übersieht den entscheidenden Punkt: Sicherheit ist nicht nur Statistik, Sicherheit ist auch ein Gefühl.
Und dieses Gefühl entscheidet im Alltag: Gehen Menschen abends noch unbesorgt durch die Stadt? Nutzen ältere Bürger den Bus? Lassen Eltern ihre Kinder alleine zur Schule laufen? Genau hier entsteht häufig die Lücke zwischen offizieller Bilanz und persönlicher Wahrnehmung.
Wenn die Statistik sinkt – aber Gewalt im Alltag sichtbarer wird
Die zuletzt verfügbaren Zahlen zeigen, warum viele Menschen trotz sinkender Gesamtkriminalität ein anderes Bild haben können: Bayern meldete für 2024 eine gesunkene Kriminalitätsbelastung bei weiterhin hoher Aufklärungsquote. Das werden auch die Zahlen für 2025 wiederspiegeln, die am Montag, 16.03.2026 veröffentlicht werden. Gleichzeitig nahm die Gewaltkriminalität zu – und ein großer Teil dieser Taten spielte sich im öffentlichen Raum ab. Auch im Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West zeigt sich dieses Spannungsfeld: weniger Straftaten insgesamt, aber teils mehr Straßen- und Gewaltkriminalität.
Das ist der Kern des Problems: Menschen erleben nicht „35.000 Fälle“ als abstrakte Zahl. Sie erleben den dunklen Weg zur Haltestelle, den aggressiven Streit am Bahnhof, Pöbeleien in der Unterführung, Sachbeschädigungen im Viertel oder die angespannte Stimmung im Zug spätabends. Solche Situationen prägen das Sicherheitsgefühl oft stärker als jede Jahresbilanz.
Forschung bestätigt: Sicherheitsgefühl ist ein eigener Faktor
Auch Studien zeigen, dass gefühlte Sicherheit nicht automatisch mit statistischer Sicherheit zusammenfällt. In der BKA-Studie SKiD 2020 geben Menschen an, sich nachts allein nicht überall sicher zu fühlen – im öffentlichen Nahverkehr ist das Sicherheitsgefühl besonders häufig eingeschränkt. Ergänzend wird aus Bundeszusammenfassungen zu solchen Befunden deutlich: Viele fühlen sich zuhause sicher, aber gerade Frauen meiden nachts bestimmte Orte oder Verkehrsmittel, um Risiken aus dem Weg zu gehen.
Was jetzt zählt: Brennpunkte, Präsenz, schnelle Reaktion
Für Politik und Polizei ist das die eigentliche Herausforderung: Eine gute Statistik ist wichtig – aber sie reicht nicht, wenn der öffentliche Raum als unsicher wahrgenommen wird. Wer Sicherheit spürbar machen will, muss dort ansetzen, wo Unsicherheit entsteht:
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Gewalt, Bedrohung, Raub, Belästigung
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wiederkehrende Störungen an Bahnhöfen, in Innenstädten und an bekannten Brennpunkten
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sichtbare, lageangepasste Polizeipräsenz und konsequentes Einschreiten
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Prävention, klare Ansprache, schnelle Hilfe – und je nach Lage auch Maßnahmen wie Kontrollkonzepte, Verbotszonen oder Videoüberwachung (wo rechtlich und fachlich geboten)
Vertrauen ist da – aber es muss im Alltag sichtbar sein
Gegen pauschale Alarmstimmung spricht: Das Vertrauen in die Polizei ist in Umfragen weiterhin hoch. Viele Menschen sind überzeugt, dass die Polizei da ist, wenn sie gebraucht wird. Das Problem ist daher weniger „Staatsvertrauen“, sondern die Frage, ob dieses Vertrauen im Alltag auch spürbar wird – gerade dort, wo Menschen sich unsicher fühlen.
Am Ende gilt: Erst wenn Bürgerinnen und Bürger Sicherheit praktisch erleben – ohne mulmiges Gefühl am Bahnhof, mit sichtbarer Präsenz und schneller Hilfe – wird aus einer guten Statistik auch ein gutes Sicherheitsgefühl.









