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First Responder und Helfer vor Ort schließen im Allgäu eine lebenswichtige Lücke

First Responder und Helfer vor Ort in Memmingen und im Allgäu schließen eine wichtige Lücke bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes. - Foto: Pöppel

Es sind oft unspektakuläre Alarmierungen – Atemnot, Bewusstlosigkeit, Kreislaufstillstand, ein schwerer Sturz, ein Kindernotfall. Doch in diesen ersten Minuten entscheidet sich, ob ein Patient stabilisiert werden kann, ob eine Reanimation früh genug beginnt, ob der Rettungsdienst beim Eintreffen bereits eine klare Lage vorfindet. Genau hier setzen First Responder und Helfer vor Ort, kurz HvO, an: Sie sind qualifizierte, organisierte Ersthelfer aus der Nachbarschaft, die von der Integrierten Leitstelle zusätzlich zum Rettungsdienst alarmiert werden, wenn sie voraussichtlich schneller am Einsatzort sein können. Rechtlich gehören sie in Bayern zur „organisierten Ersten Hilfe“ – also zur planmäßigen Hilfe am Notfallort bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes. Sie sind ausdrücklich kein Ersatz für den öffentlichen Rettungsdienst, sondern dessen Ergänzung.

In Memmingen zeigt sich besonders deutlich, wie groß der Bedarf ist. Die Johanniter-Bereitschaft Memmingen nahm ihren First Responder am 8. September 2024 offiziell in Betrieb. Schon in den ersten zwei Monaten wurde das Team 42-mal alarmiert – deutlich mehr, als ursprünglich mit 60 bis 80 Einsätzen pro Jahr erwartet worden war. Die Johanniter berichten, dass in zwei Fällen durch früh begonnene Herzdruckmassagen Leben gerettet werden konnten. Besetzt wird der Dienst von ehrenamtlichen Sanitäterinnen und Sanitätern mit spezieller Zusatzausbildung, die direkt von zu Hause aus ausrücken.

Der Memminger Dienst ist zugleich ein Beispiel dafür, wie stark diese Form der Hilfe vom Ehrenamt lebt. Das Kernteam bestand zum Start aus elf Ehrenamtlichen, die sich in Schichten eintragen – vor allem am Wochenende und nach Verfügbarkeit. Quereinsteiger benötigen demnach zunächst einen Sanitätshelferlehrgang, anschließend eine First-Responder-Ausbildung und praktische Schichten auf dem Rettungswagen. Viele Kräfte bringen bereits Erfahrung als Notfall- oder Rettungssanitäter mit. Für die Patienten ist der Einsatz kostenfrei; Krankenkassen vergüten ihn nicht. Das Memminger System kostete zum Start rund 35.000 Euro und wurde größtenteils aus Spenden von Firmen und Privatpersonen finanziert.

Auch im übrigen Allgäu ist das Prinzip längst etabliert. Im Unterallgäu betreibt der BRK-Kreisverband unter anderem den First Responder in Bad Grönenbach gemeinsam mit der Feuerwehr – diese Kooperation besteht seit 2013. Im Oberallgäu nennt der BRK-Kreisverband Standorte unter anderem in Balderschwang, Missen-Wilhams, Muthmannshofen, Oberstaufen, Steibis, Weitnau und Wertach sowie im Kleinwalsertal. Die Johanniter in Bayerisch Schwaben führen First-Responder-Standorte unter anderem in Kempten, Sonthofen, Altusried, Haldenwang, Lechbruck am See, Kaufbeuren, Türkheim (gemeinsam mit der Feuerwehr), Memmingen und Füssen auf.

Was diese Gruppen konkret leisten, ist mehr als „erste Hilfe“ im umgangssprachlichen Sinn. Sie beurteilen Vitalfunktionen, behandeln akute Störungen von Atmung, Kreislauf und Bewusstsein, beginnen Reanimationen, setzen automatisierte externe Defibrillatoren ein, stillen Blutungen, lagern Patienten, geben eine qualifizierte Rückmeldung an die Leitstelle und bereiten die Übergabe an Rettungswagen oder Notarzt vor. Je nach Lage sichern sie außerdem die Einsatzstelle, weisen Rettungsmittel ein oder unterstützen nach Eintreffen des Rettungsdienstes unter dessen Anleitung. Nicht zu ihren Aufgaben gehört der eigenständige Patiententransport; dieser bleibt dem öffentlichen Rettungsdienst vorbehalten.

Alarmiert werden die Kräfte nicht beliebig, sondern nach Alarmierungsplanung. Die Integrierte Leitstelle entscheidet anhand des Meldebildes und der konkreten Umstände, ob ein medizinisch relevanter Zeitvorteil möglich ist. Besonders sinnvoll ist der Einsatz bei akut lebensbedrohlichen Lagen – etwa Bewusstlosigkeit, Atemstillstand, Kreislaufstillstand, schwerer Blutung, Polytrauma oder schweren Sturzereignissen. Für Memmingen und das Unterallgäu ist die ILS Donau-Iller in Krumbach zuständig; ihr Verbandsbereich umfasst die Landkreise Günzburg, Neu-Ulm, Unterallgäu und die Stadt Memmingen. Sie koordiniert dort Rettungsdienst, Feuerwehren und auch Einrichtungen der organisierten Ersten Hilfe.

Finanziert wird diese schnelle Hilfe auf sehr unterschiedliche Weise – und genau darin liegt eine der größten Herausforderungen. Nach der bayerischen Rechtslage gibt es für First-Responder- und HvO-Einsätze grundsätzlich keine Erstattung durch Sozialversicherungsträger, weil es sich nicht um Transportleistungen handelt. Auch eine staatliche Förderung von Ausstattung oder Ausbildung ist grundsätzlich nicht vorgesehen. Bei Feuerwehr-First-Responder-Gruppen liegt die Finanzierung bei den Gemeinden als Trägerinnen der Feuerwehren; bei Helfer-vor-Ort-Gruppen der Hilfsorganisationen tragen die jeweiligen Organisationen die Kosten – in der Praxis häufig über Spenden, Fördermitglieder, Sponsoren und Eigenmittel.

Das bedeutet: Defibrillator, Sauerstoff, Beatmungsgerät, Verbandmaterial, Schutzkleidung, Funk- oder Alarmierungstechnik, Fahrzeugunterhalt, Kraftstoff, Reparaturen und Ausbildung müssen irgendwo bezahlt werden. Die Johanniter Memmingen erklären ausdrücklich, dass ihr First Responder vollständig spendenfinanziert ist und weitere Spenden für Material, Reparaturen und Ausbildung benötigt werden. Auch die Johanniter in Bayerisch Schwaben verweisen darauf, dass Ausstattung und Ausbildung ihrer ehrenamtlichen First Responder nur mit Spenden dauerhaft gesichert werden können.

Personell stehen die Systeme auf den Schultern von Ehrenamtlichen: Menschen aus Hilfsorganisationen, Feuerwehren, Bereitschaften, teils mit beruflicher Erfahrung im Rettungsdienst, teils als zusätzlich ausgebildete Sanitätskräfte. Eine 24-Stunden-Bereitschaft ist aus planerischer Sicht wünschenswert, kann aber je nach Vereinbarung auch kürzer sein; möglichst soll im Zwei-Helfer-System gearbeitet werden. Verlässlichkeit ist dabei zentral: Eine Gruppe muss zu feststehenden Zeiten alarmierbar sein, sonst kann die Leitstelle sie nicht sinnvoll einplanen.

Wie belastbar solche Ehrenamtsstrukturen sein können, zeigt Oberstaufen. Dort wurde der HvO im Jahr 2025 insgesamt 105-mal alarmiert – im Schnitt rund zweimal pro Woche. Hinzu kamen 4.048 gefahrene Kilometer, knapp 96 Einsatzstunden und 958 Bereitschaftsstunden. Die örtliche BRK-Bereitschaft wertet diesen Bedarf als Beleg dafür, dass der Dienst für die Bevölkerung dringend notwendig ist.

Die Ausbildung ist anspruchsvoll, aber klar begrenzt: First Responder und Helfer vor Ort sind keine „kleinen Notärzte“. Der bayerische Leitfaden verlangt mindestens 48 Stunden Grundqualifikation; bei häufig eingesetzten Gruppen wird eine Vertiefung auf 80 Stunden oder mehr empfohlen. Pflichtinhalte sind unter anderem das Erkennen und Beurteilen der Vitalfunktionen, Basisreanimation mit AED, einfaches Atemwegsmanagement, Beatmung mit Hilfsmitteln, Sauerstoffgabe, Blutstillung, Lagerung und Immobilisation der Halswirbelsäule. Hinzu kommen regelmäßige Fortbildungen mit Praxistraining von mindestens vier Stunden pro Halbjahr.

Die lokalen Hilfsorganisationen gehen teils darüber hinaus oder konkretisieren die Ausbildung in eigenen Konzepten. Der BRK-Kreisverband Oberallgäu nennt für seine First Responder einen Erste-Hilfe-Kurs mit acht Doppelstunden, eine 64-stündige Sanitätsausbildung, Schulungen in Herz-Lungen-Wiederbelebung, Einweisung in Frühdefibrillation, praktische Erfahrungen im Rettungswagen und fortlaufende Fortbildungen. Eine typische Notfallausrüstung umfasst unter anderem Blutdruck- und Blutzuckermessgerät, Verbandmaterial, Beatmungshilfen und Defibrillator.

Warum diese Einrichtung so wichtig ist, lässt sich medizinisch einfach erklären: Beim Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Minute. Der Deutsche Rat für Wiederbelebung weist darauf hin, dass ohne Herzdruckmassage bereits nach drei bis fünf Minuten irreversible Hirnschäden entstehen können; der Rettungsdienst benötigt im Mittel deutlich länger. Das Bundesgesundheitsministerium betont, dass eine sofort begonnene Herzdruckmassage die Überlebenschancen verdoppeln bis verdreifachen kann. First Responder und HvO sind deshalb besonders dort wertvoll, wo sie Reanimation, Defibrillation und qualifizierte Erstversorgung früher beginnen können.

Gerade im Allgäu kommt ein weiterer Faktor hinzu: Die Region ist weitläufig, ländlich geprägt, touristisch stark frequentiert und topografisch anspruchsvoll. Täler, Weiler, Wintersportorte, Ausflugsverkehr und lange Fahrtstrecken können dazu führen, dass Minuten verstreichen, bevor ein Rettungswagen eintrifft. Gleichzeitig können Rettungsmittel in Städten wie Memmingen durch parallele Einsätze gebunden sein. Der Rettungsdienstbereich Donau-Iller umfasst rund 512.000 Einwohner, 18 Rettungstransportwagen an 14 Rettungswachen und Stellplätzen, acht Notarztstandorte sowie 353 Feuerwehren; die ILS bearbeitet rund 100.000 Einsätze pro Jahr.

Wichtig ist aber auch die ehrliche Einordnung: First Responder und Helfer vor Ort dürfen nicht als billiger Ersatz für einen bedarfsgerecht ausgestatteten Rettungsdienst verstanden werden. Der bayerische Leitfaden stellt klar, dass Ersthelfergruppen den Rettungsdienst ergänzen, aber keine strukturellen Defizite der rettungsdienstlichen Versorgung ausgleichen sollen. Wenn Versorgungsstrukturen nicht mehr dem Bedarf entsprechen, muss der zuständige Zweckverband die Rettungsdienststruktur überprüfen und verbessern.

Neben den klassischen HvO- und First-Responder-Gruppen wächst im Raum Memmingen/Unterallgäu auch ein weiteres Netz: die „Region der Lebensretter“ Donau-Iller. Dieses App-basierte System ist nicht identisch mit einem fest organisierten HvO-Fahrzeug, ergänzt aber die Rettungskette bei Reanimationen. Die Region umfasst Neu-Ulm, Günzburg, Unterallgäu und Memmingen; zuständig ist ebenfalls die ILS Donau-Iller. Mit Stand August 2024 waren dort mehr als 1.000 registrierte Helferinnen und Helfer und rund 450 Defibrillatoren erfasst; jährlich gehen nach Angaben des Projekts etwa 400 Alarme ein.

Am Ende ist der First Responder im Allgäu mehr als ein Fahrzeug mit Blaulicht. Er ist Ausdruck einer regionalen Sicherheitskultur: Menschen übernehmen Verantwortung, lassen sich ausbilden, stehen nachts, am Wochenende oder nach Feierabend bereit und fahren los, wenn andere Hilfe brauchen. Die Einrichtung ist deshalb nicht nur medizinisch wichtig, sondern auch gesellschaftlich. Sie zeigt, dass Notfallversorgung nicht allein aus Rettungswachen, Leitstellen und Kliniken besteht, sondern aus einer Rettungskette – und dass diese Kette nur so stark ist wie ihr erstes Glied.