Ravensburg – FUCK ART, LET’S DANCE! – Atlas Tour

Foto: Pressefoto

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Datum:   10.05.2014
Uhrzeit:   20.30 Uhr
Ort:   Studio 104 Eventwerk in Ravensburg

Hamburg ist geplatzt. Wer 2013 einen Blick in die Zeitung geworfen hat, wird es wissen. Geplatzt. Und zwar nach innen, mal wieder implodiert, sozusagen. Wohin hätte der Druck auch entweichen sollen, viel zu gedrungen ist die Stadt. Viel zu gewöhnt auch daran, mit der Enge umzugehen.
Es ist kein Wunder, dass die relevanteste Popmusik des Landes aus dieser Stadt kommt. Und damit seien nicht die Altvorderen gemeint, nicht Tocotronic, Die Goldenen Zitronen und Blumfeld. Mit denen verbindet FUCK ART, LET’S DANCE! wenig. Einzig der für Hamburg scheinbar charakteristische Zug von Melancholie wäre zu nennen, dem FUCK ART, LET’S DANCE! seit ihrer Gründung 2009 ein überfälliges Update verpassen. Und der Live plötzlich keine bedeutende Rolle mehr spielt, weil es eben doch darum geht, sich euphorisch dem Moment hinzugeben – selber ein bisschen zu platzen, vielleicht.
Es geht um die Entäußerung, das Leben im Augenblick – dass FUCK ART, LET’S DANCE! schon im Vorfeld ihrer ersten physischen Veröffentlichung 200 Konzerte spielen konnten oder wollten – ja, sogar: mussten –, ist auf die Live-Qualitäten der Band zurückzuführen. Die sprachen sich nämlich schnell herum. Man redete über diese neue Band, deren Auftritte mit Clubabenden mehr gemein hatten als mit Konzerten und fragte sich, zu Recht übrigens, welche andere deutsche Band es wagt, spontan auf der Bühne zu improvisieren. Außerdem: Welche andere deutsche Band misst der Tanzbarkeit ihrer Performance einen solchen Stellenwert bei? Für FUCK ART, LET’S DANCE! ist es selbstverständlich, Songs für die Live-Situation zu übersetzen. Damit es funktioniert mit der Entäußerung – ein Prinzip, das eher in der elektronischen Musik gepflegt wird, denn im Bereich des „jerky 2-bit dance pop for indie geeks with colourful knit-wear“, wie der britische New Musical Express FUCK
ART, LET’S DANCE! Musik einmal beschrieb.
Nachdem die Band bereits in ihren Anfangstagen Supportshows für Künstler wie Who Made Who, We Have Band und FM Belfast gespielt hatte, machte sie sich auch international schnell einen Namen. In den vergangenen Jahren spielten FUCK ART, LET’S DANCE! Hunderte von Konzerten, überall in Europa, Und weil man sich inzwischen auch jenseits des Atlantiks über den zwischen Hochstimmung und Schwermut oszillierenden Sound von FUCK ART, LET’S DANCE! unterhielt, wurde die Band kurzerhand eingeladen, im Rahmen des SXSW-Festivals in Austin und New
York zu spielen.
Damals hätte man sich das alles nicht träumen lassen. In Hamburg-Stellingen, einem ebenso beschaulichen wie langweiligen Stadtteil, wo sich die Bandmitglieder kennenlernten. Ja, es ist die alte Geschichte: Vier Jungs, polnischer, indonesischer, griechischer und deutscher Herkunft, treffen sich auf dem Pausenhof der Grundschule; im Laufe der Jahre verliert man sich ab und an aus den Augen, findet aufgrund der Liebe zur Musik doch wieder zusammen, gründet Bands und entscheidet sich schließlich, das Ding jetzt durchziehen zu wollen. Das Studium in Alt-Griechisch und Latein? Geschmissen. Wo kommt die Kohle her? Sauer verdient wird sie, im Bekleidungsgeschäft. Nacht für Nacht müssen bergeweise Pullover und
Hosen zusammengelegt werden, immer der gleiche Mottenkugelmief. Und was passiert dann?
Dann geht es auf Tour. Oder ins Studio. „Atlas“, das Debütalbum von FUCK ART, LET’S DANCE! ist in den Räumlichkeiten von Jakob Häglsperger (Frittenbude) entstanden. In Berlin. Was hier eigentlich nicht erwähnt werden soll, weil Berlin immer schon schal klingt und an substanzlose Hypes denken lässt. Von denen sind FUCK ART, LET’S DANCE! weit entfernt. 280 Autobahnkilometer, um genau zu sein. Eine Distanz, die ausreicht, um diese große, filigran angelegte Popmusik zu erschaffen und die Verhältnisse zum Implodieren zu bringen.

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