Oberstdorf – Kräftezerrende 14-stündige Bergrettung am Hahnenkopf – 59-jähriger Urlauber abgestürzt

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Foto: Bergwacht Oberstdorf

Foto: Bergwacht Oberstdorf

Am Dienstagnachmittag, 08.11.2016, gegen 17.50 Uhr, wurde die Bergwacht Oberstdorf/Allgäu alarmiert. Ein 59-jähriger Urlauber war trotz ca. 35 cm Neuschnee zu einer Bergtour im Bereich Hahnenkopf und Riefenkopf aufgebrochen und wollte von Gerstruben kommend die Überschreitung ins Oytal unternehmen. Beim Abstieg soll er laut Meldung ca. 100 Meter abgerutscht sein und sich eine Kopfverletzung zugezogen haben. Aufgrund des nur schlecht möglichen Rückrufes und der angespannten Wetterlage, welche weiteren Schneefall vorhergesagt hatte, wurden sowohl ein Nachtflug tauglicher Helikopter der Bundeswehr (SAR) alarmiert, als auch eine schnelle Fußmannschaft mit Wärme- und medizinischem Material vorrausgeschickt.
Beim Aufstieg zum Richtung Hahnenkopf (1.735m) bot sich der Fußmannschaft ein verwirrendes Bild, es waren Trittspuren von einer Person zu sehen, welche jedoch völlig Zickzack umhergeirrt Bergwacht Notarztwar. Am Gipfelgrat musste der Mann zudem auf der Suche nach dem richtigen Abstieg einige Male hin und her gelaufen sein, ohne jedoch den Weg zu finden, dieser führt etwa 500 Meter weiter östlich Richtung Oytal und stellt die einzige sinnvolle Verbindung dar. Vom Grat aus waren keine Rutschspuren zu erkennen, worauf hin ca. 150 m unterhalb des Grates im Steilgelände eine Querung unternommen wurde um weitere Spuren zu finden, jedoch zunächst erfolglos. Währenddessen war der SAR-Hubschrauber der Bundeswehr und des parallel angeforderten Polizeihubschrauber nicht möglich durch die Schlechtwetterfront im Unterland hierher zu gelangen. Auch Anfragen bei den Österreichern und Schweizern blieben zunächst erfolglos.
Auf dieser Basis wurde um 19.30 Uhr entschieden weitere Fußmannschaften loszuschicken, welche zur Suche und zum Materialtransport für eine aufwendige terrestrische Rettung gerüstet waren. Weiter wurde die Alpine Einsatzgruppe der Polizei des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West (AEG) und das Technikfahrzeug der Bergwacht Allgäu nachgefordert. Die AEG unterstütztedie Bergwacht mit fünf Alpinbeamten. Während das Technikteam mit einer Drohne die Nordflanken nach Lichtquellen absuchte machte sich die Mannschaft vom Gipfel auf den Weg Richtung Lugenalpe um von dort einem alten verfallenen Steig ins primäre Suchgebiet zu folgen, die zwei Mann der ersten Gruppe wurden nun durch drei weitere Retter inklusive Notarzt ergänzt. Eine zweite, derweil zum Grat aufgestiegene Gruppe seilte sich von diesem weit in die Nordflanke und entdeckte unterhalb eines Schneerutsches Fuß- bzw. Rutschspuren, diesen konnte jedoch wegen eines großen Felsabbruches von oben nicht gefolgt werden. Auf der Nordseite betrug die Neuschneemenge ca. 40-45 cm was ein sicheres Fortbewegen in dem Fels und Latschendurchsetztem Gelände sehr erschwerte.

Foto: Bergwacht Oberstdorf

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Gegen 23.40 Uhr wurde von der Fußmannschaft eine Spur unterhalb des Felsabbruches gesichtet und dieser gefolgt. Leider war der Mann auf seinem Weg in Richtung Tal hierbei über den alten Steig gerutscht, welcher sich auf rund 1.400 m befindet und weitere 100 m in einer sehr steilen und vereisten Felsrinne nach unten gekrochen, wobei er 20 Meter stürzte und sich eine schwere Kopfverletzung zuzog. Nach diesem Sturz war er eingeschlossen, unten von einer Felswand und nach oben von steilen Eisrinnen. Gegen 00.17 Uhr konnte Rufkontakt zum Verletzten hergestellt werden und etwa zehn Minuten später war der erste Retter beim Patienten. Primäre Aufgabe war es nun für den Wärmeerhalt zu sorgen und weitere schwere Erfrierungen zu verhindern, sowie die Kopfverletzung zuversorgen. Nachdem diese Aufgaben erledigt waren, galt es zu warten und einen Weg zum Abtransport vorzubereiten. Das hierfür benötigte Material und die weiteren Einsatzkräfte von Polizei und Bergwacht Oberstdorf waren zum Teil vom Oytal und zum Teil vom Grat aus unterwegs und kamen wegen des äußerst schwierigen Geländes und der harten Bedingungen nur sehr langsam voran.
Als mögliche Rettungswege standen der mühsame Transport nach oben, sowie das hochriskante Steinschlag gefährdete Ablassen nach unten zur Option, wobei jeweils mit mehreren Stunden Arbeit gerechnet werden musste. Glücklicherweise lies es ein Wetterfenster gegen 04.30 Uhr zu, dass ein Schweizer Helikopter der „Rega“ seine Zusage gab und so konnte gegen 05.00 Uhr der Patient samt Notarzt in einem riskanten Manöver ausgeflogen und ins Klinikum gebracht werden.
Für die Einsatzkräfte von Bergwacht und Polizei war der Einsatz erst gegen 08.00Uhr erledigt, nachdem alle Sicherungen und Material aus dem Gelände abgebaut und ins Tal gebracht waren.
Einsätze wie dieser sind sicherlich nicht alltäglich, kommen jedoch gerade in den Übergangsjahreszeiten häufiger vor. Gerade hier ist es wichtig eine genaue Tourenplanung vorzunehmen und mit den schwierigen Verhältnissen und kurzen Tagen zu rechnen. Insgesamt waren neben den Hubschrauberbesatzungen 23 Bergretter und fünf Alpinpolizisten im Einsatz, die meisten Bergretter waren bereits um 9.00Uhr wieder an ihrem Arbeitsplatz – denn Bergrettung ist in Bayern nach wie vor ehrenamtlich organisiert.

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