Joan Baez: Politischer Aktivismus ist mehr als ein Hashtag

Berlin – Die US-Folk-Sängerin und Bürgerrechtlerin Joan Baez („We Shall Overcome“) hält nicht viel von Hashtag-Aktivismus. „Es ist sehr leicht, mal eben ein Hashtag zu retweeten. Aber um Veränderungen herbeizuführen, muss man oft Risiken eingehen. Hashtags bewirken oft gar nichts, finde ich. Mit einem Hashtag kann man schnell sein Gewissen erleichtern, Trauer und Bestürzung ausdrücken – oder etwas verurteilen. Aber: Man hält nicht den eigenen Kopf hin. Man riskiert nichts“, sagte Baez der „Welt am Sonntag“, „all diese Kommunikationsmöglichkeiten verpuffen sehr schnell wieder. Weil es so viele Aktionen auf einmal gibt.“

Die 74-Jährige, die in den 60ern an der Seite von Martin Luther King für die Rechte der Schwarzen in den USA demonstrierte, zeigte sich zudem besorgt über die zunehmende Gewalt gegenüber Schwarzen und die Ausschreitungen in Ferguson, Charleston oder Baltimore. „Die Geschichte wiederholt sich – das ist offensichtlich. Teile Amerikas haben immer noch Probleme damit, dass wir nun seit fast acht Jahren einen schwarzen Präsidenten haben“, sagte sie der „Welt am Sonntag“, „es gibt viele wütende Weiße, die glauben, dass sie jetzt zu den Verlierern zählen. Da hat sich viel aufgestaut, das ist einer der Gründe, der das Entstehen der „Tea Party“ erklären kann. Aber selbst heute, da es die „Tea Party“ ja nun schon länger gibt, sagen viele: „Ich hab die Schnauze voll.“ Nur sagen sie meist nie, wovon genau sie die Schnauze voll haben. Wir lernen nicht aus unseren Fehlern. Leider.“ Die gegenüber Präsident Obama geäußerten Vorwürfe, er habe, nachdem weiße Polizisten Schwarze erschossen hatten, nur gemäßigte Kritik geäußert, kann Baez nur zum Teil nachvollziehen. „Sicher wünschen sich viele, auch ich, er würde in der Hinsicht mehr machen. Dass er sagte: `Okay, jetzt reicht`s aber.` Stattdessen nimmt er diese milde Position ein. Ich kann das aber verstehen“, sagte sie der „Welt am Sonntag“, „das bleibt für Obama eine schwierige, heikle Situation. Wenn es auch nur einen Moment den Anschein hätte, er würde zu stark Partei für die Schwarzen ergreifen, setzte er sich erneut enormen Anfeindungen der Rechten aus. Der Druck auf ihn aus diesem Lager ist größer als alles, was ich in meinem Leben erlebt habe. Und das war schon einiges. Obama muss daher sehr genau, sehr klug abwägen, was er macht und zu den Ausschreitungen und Todesschüssen sagt.“ Baez wird für ihr politisches Engagement am 21. Mai in Berlin von Amnesty International mit einem Preis geehrt. Im Juli gibt sie einige Konzerte in Deutschland. Wie lange sie noch live auftreten will, kann sie im Moment noch nicht absehen. „Meine Stimme wird vorgeben, wie lange ich noch singen kann. Sie hat sich in den letzten Jahren verändert“, sagte sie der „Welt am Sonntag“, „die Stimmbänder sind ein Muskel, und es ist schwieriger, damit zu arbeiten, wenn man älter wird. Der Tag wird kommen, an dem ich die Klänge, die aus meinem Hals kommen, selbst nicht mehr hören mag. Das wird`s dann gewesen sein – mit der Singerei. Vielleicht fange ich dann mit Malen an.“

Über dts Nachrichtenagentur