IW-Gutachten: Klimaschutzziele bei Gebäuden nicht mehr erreichbar

Köln (dts Nachrichtenagentur) – Die Klimaschutzziele der Bundesregierung für den Gebäudesektor sind einem Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zufolge unrealistisch. Ursprünglich sollten bis zum Jahr 2020 bundesweit 20 Prozent des Wärmebedarfs eingespart werden. „Das im Energiekonzept 2010 formulierte Zwischenziel lässt nicht mehr erreichen“, heißt es dazu in dem Gutachten, das der „Welt“ vorliegt.

Der Grund: Nur noch etwa ein Prozent der Gebäude in Deutschland würden jedes Jahr energetisch saniert. Bleibe es bei dieser Sanierungsquote, werde allenfalls die Hälfte des Klimaziels erreicht, nämlich ein Rückgang des Wärmebedarfs um elf Prozent. Auf Gebäude entfallen rund 40 Prozent des deutschen Energieverbrauchs und 30 Prozent der Treibhausgasemissionen. Hauseigentümer sollen durch eine Vielzahl unterschiedlicher Förderprogramme dazu angeregt werden, moderne Heizungen einzubauen, erneuerbare Energien zu nutzen und ihre Häuser abzudichten. Dem IW-Gutachten zufolge sind die Anforderungen an umfängliche Maßnahmen jedoch so hoch, dass sie sich für die meisten Eigentümer nicht rechnen. Für das Gutachten wurden reale Sanierungsfälle in Interviews mit Energieberatern bewertet sowie zusätzliche Rechnungen angestellt. Das Ergebnis: Für die Besitzer von Ein- und Zweifamilienhäusern lassen sich die Kosten für eine Sanierung nach dem KfW-Effizienzhaus-Standard „100“ und „85“ durch Fördergeld und eingesparte Heizkosten wieder einspielen. Die höheren Energiestandards „70“ und „55“ dagegen erwiesen sich als unwirtschaftlich. Als Voraussetzung für die Berechnungen legte das IW einen durchschnittlichen Energiepreis von sechs Cent pro Kilowattstunde (kWh) zugrunde. Bei Mehrfamilienhäusern sei sogar nur eine Sanierung nach dem KfW-100-Standard wirtschaftlich. „Die Politik der vergangenen Jahre muss grundsätzlich überdacht werden“, sagt Ralph Henger, Immobilienexperte des Instituts. Es müssten mehr Häuser saniert werden, und dies auf einem niedrigeren Niveau. „Das Ziel klimaneutraler Gebäude geht damit nicht verloren, es wird sogar langfristig wahrscheinlicher“, erklärte Henger der „Welt“. Die Untersuchungen des IW hätten ergeben, dass Hausbesitzer lieber in kleinen Schritten sanieren. Bei drei Prozent der Gebäude würden nur Teilsanierungen vorgenommen. Vollumfängliche energetische Sanierungen fänden nur in 0,1 bis 0,2 Prozent des Gebäudebestandes statt. „Die Energieberater bestätigten einstimmig, dass Vollsanierungen momentan kaum nachgefragt werden“, heißt es in der IW-Studie. Ließe sich die jährliche Sanierungsquote aller Wohngebäude von ein auf drei Prozent erhöhen, auch mittels Teilsanierung, sei zumindest noch das Klimaschutzziel bis 2050, alle Gebäude CO2-neutral zu betreiben, zu 62 Prozent erreichbar. Frank Heidrich, Leiter der Abteilung „Wärme und Effizienz in Gebäuden“ im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, hatte vergangene Woche bereits einige Neuerungen in Aussicht gestellt: „Wir werden im Herbst ein Programm bekommen, das den niederschwelligen Bereich aufnimmt“, sagte er bei einer Veranstaltung des IW in Berlin. „Wir wissen: Viele Eigentümer sind bei einer Vollsanierung finanziell überfordert.“ Was die künftigen Gebäudestandards angeht, rückt die Regierung möglicherweise von bisherigen ehrgeizigen Zielen ab. So sollte bei der Umsetzung einer EU-Richtlinie, die ab 2021 einen Niedrigenergiestandard für neue Wohngebäude vorschreibt, bisher das KfW-55-Haus für Sanierungen maßgeblich sein. „Wir könnten auch den Standard nehmen, den wir ohnehin schon seit dem 1. Januar 2016 haben“, so Heidrich. „Da ist ein breiter Spielraum.“

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