Genscher: Moskau ahnte im Frühjahr 1989 nichts vom Umbruch in der DDR

Berlin – Die damalige sowjetische Führung hatte nach Darstellung von Ex-Bundesaußenminister Hans-Dierich Genscher im Frühjahr 1989 nicht die geringste Ahnung, dass in der DDR ein Umbruch bevorstand. Im Interview mit „Bild am Sonntag“ schilderte Genscher, dass er im Herbst 1988 dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse bei einem Treffen in New York gesagt habe, „dass es im Sommer kommenden Jahres zu dramatischen Entwicklungen in der DDR kommen kann“. Ein halbes Jahr später habe ihm Schewardnadse berichtet, dass Präsident Michail Gorbatschow wegen dieses Hinweises angeordnet habe, alle Quellen in der DDR danach zu befragen.

Man sei dabei aber zu dem Ergebnis gekommen, dass Genscher die Lage falsch einschätze. Ende 1989 habe Schewardnadse dann im Kreis der EG-Außenminister zugegeben: „Hans-Dietrich hat mich vor einem Jahr gewarnt, dass sich in der DDR etwas tut; aber wir haben das für unmöglich gehalten.“ Genscher bezeichnete den Mauerfall vor 25 Jahren als „die Erfüllung deutscher Demokratiegeschichte“. Denn: „Am 9. November 1848 wurde in Wien der liberale Abgeordnete der Frankfurter Paulskirche, Robert Blum, unter Bruch der Immunität standrechtlich erschossen, weil er die Revolution in Österreich unterstützte. Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann in Berlin nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Republik aus. Am 9. November 1923 scheiterte Hitler mit seinem ersten Putsch in München. Am 9. November 1938 begann die Kampagne zur Vernichtung der Juden“, so Genscher. „Das war keine `Reichskristallnacht`, das war eine Menschenverfolgungs- und Mordnacht. Und nun der Mauerfall vor 25 Jahren.“

Über dts Nachrichtenagentur

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