FC Memmingen auf Spurensuche in der eigenen Vergangenheit

FC Memmingen 1911 - Foto: FCM

Der deutsche Profifußball brauchte lange, sich seiner Vergangenheit in der NS-Zeit zu stellen. Jüdische Fußballer, die aus Vereinen ausgestoßen, verfolgt und umgebracht wurden, gerieten im Lauf der Jahrzehnte völlig in Vergessenheit. Was sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert hat, oft angestoßen von jungen Fans, wie dem Münchner-Fanclub „Schickeria“, der mit seiner Initiative zum Beispiel für ein angemessenes, wenn auch spätes Gedenken des einstigen FC-Bayern-Präsidenten Kurt Landauer gesorgt hat. Der Jude Landauer, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg Vorstand des heutigen Rekordmeisters gilt heute sozusagen als „Vater der Bayern“.
Im Rahmenprogramm der Präsentation des FIFA-WM-Pokals hat der FC Memmingen die Ausstellung „Kicker, Kämpfer und Legenden – Juden im deutschen Fußball“ für einige Tage von der evangelischen Versöhnungskirche aus der KZ-Gedenkstätte Dachau in die Rathaushalle geholt. „Auslöser war ein Telefonanruf von Eberhard Schulz von der Initiative NieWieder, nachdem einige FCM-Fans überregional für unschöne Schlagzeilen gesorgt haben“, berichtet der stellvertretende FCM-Vorsitzende Thomas Reichart. Der Kontakt wurde tiefer und so machte sich der Memminger Funktionär auch Gedanken über mögliche jüdische Fußballer beim Fußballclub. Was bislang im Verein kein Thema war.
Stadtarchivar Christoph Engelhart begab sich auf Spurensuche und konnte bei einer Talkrunde zur Ausstellung erste Ergebnisse präsentieren. Anhand alter Bilder aus Jubiläumsfestschriften machte er einige jüdische Kicker und Funktionäre in den ersten Jahrzehnten des 1907 gegründeten Vereins ausfindig. Damals galt Fußball noch als „englische Krankheit“ und war in Bayern sogar verboten. Es finden sich Namen wie Guggenheimer, Kohn, Laupheimer oder Seligman – nicht alle haben den Holocaust überlebt.
Nach 1929 tauchen keine Juden mehr in der zu dieser Zeit unvollständigen FCM-Chronik auf. Aus welchem Grund ist momentan unklar. „Das können wir noch nicht sagen. Da sind wir ganz am Anfang“, will Engelhart weiter nachforschen, „vielleicht finden wir noch Zeitzeugen, die uns darüber was erzählen können“. Was der Stadtarchivar dem FCM in seinen Anfangsjahren bescheinigen kann, ist eine durchaus hohe Integrationskraft, die Konfessionen spielten im Gegensatz zum damaligen Zeitgeist hier anscheinend keine Rolle. Evangelische, katholische und jüdische Fußballer spielten gemeinsam in einer Mannschaft.
„Aus der Geschichte lernen heißt, sich gemeinsam gegen Rassismus, gegen jegliche Form der Diskriminierung, gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen Antisemitismus zur Wehr zu setzen“, sagt Schulz mit Blick auf das Hier und Heute. Und er schilderte den Weg von Kurt Landauer, der gleich nach dem Zweiten Weltkrieg am 2. Juni 1945 aus der Emigration in der Schweiz über Memmingen nach Deutschland zurückkehrte. Mit der langjährigen Haushälterin und Vertrauten der Familie Maria Baumann ging er drei Wochen später nach München. Statt in die USA auszuwandern, blieb er in der Landeshauptstadt, brachte den FC Bayern wieder auf die Beine und heiratete später seine Lebensgefährtin aus Memmingen. Vier Geschwister Landauers wurden von den Nazis ermordet.
„Wir werden uns weiter mit der Geschichte unseres Vereins auseinandersetzen“, sagt Reichart. Die Erinnerung an möglicherweise verfolgte Personen des FC Memmingen sei wichtig und setze ein weiteres Zeichen gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Hier bezieht der Fußballclub immer wieder klar Position.

Beim Mannschaftsbild des FC Memmingen aus dem Jahr 1911 war auch ein Torhüter namens Laupheimer (unten in der Mitte) unter den Abgebildeten. Als ziemlich gilt, er jüdischer Mitbürger in Memmingen war. Unklar ist, ob es sich um David, Salo oder Julius Laupheimer handelt.