EKD-Ratschef wirft Islam-Verbänden mangelnde Kritik an Gewalt-Traditionen vor

Gläubige Muslime beim Gebet in einer Berliner Moschee, über dts Nachrichtenagentur
Foto: Gläubige Muslime beim Gebet in einer Berliner Moschee, über dts Nachrichtenagentur

Berlin – Der scheidende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat den deutschen Islamverbänden Versäumnisse bei der Kritik an gewalttätigen Traditionen im Islam vorgeworfen: „Was von den Verbänden an Auseinandersetzung mit Ansatzpunkten für die Legitimierung von Gewalt im Koran und in der islamischen Tradition bisher kommt, ist mir zu wenig“, sagte Schneider im Interview mit der „Welt“. Zwar gehe er davon aus, dass sich die Verbände „vorbehaltlos für ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen einsetzen und nichts mit dem IS zu tun haben“. Aber, so Schneider weiter: „Wir müssen nüchtern feststellen, dass sich der IS auf den Islam beruft. Darüber haben wir zu debattieren.“

Dies müsse insbesondere in Islam-Studiengängen an deutschen Universitäten geschehen. Es sei „zu fordern, dass, zumal an unseren Universitäten, bei der Ausbildung von Imamen und Religionslehrern die Rolle der Gewalt in der islamischen Tradition sowie die Unklarheiten im Verhältnis von Staat und Religion kritisch angesprochen werden“. Eine Tradition der Gewalt gibt es im Islam laut Schneider bereits seit den Anfängen. „Im Islam hing seine rasche Verbreitung `mit Feuer und Schwert` von Anfang an mit Kriegen zusammen. Das hat offensichtlich Ansatzpunkte im Koran – wie ja auch die Bibel für Begründungen von Gewaltanwendung nicht frei ist. Darauf können heute jene zurückgreifen, die den Glauben für ihr Gewaltregime missbrauchen wollen“, sagte Schneider. Den religiösen Gewalt-Traditionen theologisch etwas entgegenzusetzen, sei dabei „für Vertreter des friedlichen Islam heute schwieriger als für christliche Theologie“. Dies liegt nach Ansicht von Schneider „zum einen an der Hermeneutik im Blick auf den Koran, aber in einigen Staaten auch an dem Einsatz von staatlicher Gewalt zur Durchsetzung religiöser Gesetze“. Zugleich beklagte Schneider in Deutschland antisemitische Tendenzen. „Der Antisemitismus wurde in Deutschland nie ganz überwunden. Nach wie vor benötigen jüdische Einrichtungen rund um die Uhr Schutz, werden Friedhöfe geschändet, stehen im Netz grässliche Parolen, arbeitet die rechtsradikale Szene mit dem Antisemitismus. Neu kommt hinzu, dass Konflikte im Nahen Osten auch in unserer Gesellschaft ausgetragen werden und radikalisierte junge Muslime hier lebende Juden angreifen.“ Auch gegen diese Radikalisierung müssten sich die Verbände engagieren: „Wir brauchen ihre Mitarbeit“, sagte Schneider, „um energisch gegenzusteuern, wenn junge Männer durch Hassprediger aufgehetzt und für die IS-Milizen rekrutiert werden und man Geld für deren Schleusung in den Nahen Osten sammelt.“ Als Motivation für Muslime zur Selbstkritik sieht Schneider die Auseinandersetzung der evangelischen Kirche mit ihren eigenen Traditionen. Er mache „bei allen Gesprächen mit Vertretern des Islams“ darauf aufmerksam, „dass auch die christlichen Kirchen eine sehr problematische Gewaltgeschichte haben und sich mit ihr auseinandersetzen. Wir sitzen nicht auf dem moralisch hohen Ross. Damit ermutige ich zur Auseinandersetzung über entsprechende Traditionen im Islam.“

Über dts Nachrichtenagentur

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