Bericht: IS verfügt bereits über weitgehende staatliche Strukturen

Bagdad/Damaskus – Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) hat offenbar bereits weitgehende staatliche Strukturen errichtet. Das belegen interne IS-Dokumente, über die die „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR berichten. So gebe es innerhalb der Terrororganisation eine Krankenversicherung, Heiratsbeihilfen und Unterstützungszahlungen für die Familien getöteter oder inhaftierter Kämpfer.

Die Dokumente enthalten den drei Medien zufolge zudem umfangreiche Namenslisten von Kämpfern, detaillierte Angaben über Waffeneinkäufe sowie Personalakten von Selbstmordattentätern. In einer Art Kartei registriere die IS-Führung darin „Märtyrer“, die für Selbstmordattentate abkommandiert seien. Aus den Unterlagen ergebe sich, dass viele der Freiwilligen schon eine Woche nach ihrer Ankunft im Irak ihr Selbstmordattentat begingen. Das ausgewertete Material stamme aus dem Jahr 2013 und reiche bis ins Frühjahr 2014. Die Unterlagen beziehen sich laut SZ, NDR und WDR fast ausschließlich auf den Irak. Nach Angaben der irakischen Regierung seien die Dokumente auf USB-Sticks und Festplatten gespeichert und am 5. Juni 2014 bei einer Razzia gefunden worden. Im Juni hatte erstmals der „Guardian“ über den Dokumentenfund berichtet. Die irakische Regierung habe einen Teil der gefundenen Dokumente nun NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ zur Verfügung gestellt. Die Unterlagen zeigten, dass alle neun IS-Provinzen innerhalb des Iraks offenbar über einen eigenen Etat verfügen. Zwischen den einzelnen Provinzen finde auch eine Art Länderfinanzausgleich statt, bei dem reiche Bezirke Hilfszahlungen an ärmere leisten. So sollen offenbar Terroristen in allen Provinzen in die Lage versetzt werden, Anschläge zu verüben. Um die Macht im Inneren zu sichern, investiere der IS viel Geld in die Sozialleistungen: Die Kosten für das Sozialsystem überstiegen bisweilen sogar die Ausgaben für den Ankauf von Waffen. Der IS verfüge dabei über große Summen, die offenbar auch aus Schutzgeldzahlungen stammen, wie die Dokumente laut SZ, NDR und WDR nahelegen. Die Dokumente zeigten, dass der IS sich selbst als Staat ernst nimmt, sagte Professor Peter Neumann vom King`s College London, dem Teile der Unterlagen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ vorgelegt wurden. Für den IS selber sei diese Idee des Staates nicht nur ein Label. „Sie verstehen sich wirklich als Staat, sie möchten als Staat ernst genommen werden und sie handeln wie ein Staat“, so Neumann. Die Dokumente würden klarmachen, dass der IS sehr gut organisiert sei und dass selbst brutale Akte der Gewalt sehr gezielt eingesetzt würden, sagte Neumann weiter. Der IS setze vielleicht mehr als jede andere Terrororganisation in der Geschichte ganz systematisch den Terror als Mittel der Kriegsführung ein. „Diese Dokumente bestätigen im Prinzip, dass diese gesamte Organisation eigentlich viel rationaler und viel durchdachter ist, als wir uns das bisher vorgestellt haben“, so Neumann. In einer Analyse für die Bundesregierung bezeichnet der Bundesnachrichtendienst IS als „hochattraktiv“ für Muslime in aller Welt. Dies sei einer der Gründe, warum IS „eine größere Herausforderung für die westliche Staatengemeinschaft“ darstelle als al-Qaida.

Über dts Nachrichtenagentur

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