Bayern – Erschreckende Erfahrungen der Mittelschullehrer

Foto: Polizei

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BLLV-Präsident Wenzel stellt Ergebnisse einer Befragung zur Situation an Mittelschulen vor / „Es mangelt an allem – vor allem aber an dem Willen, dieser Schulart zu helfen“

Die Situation von Lehrkräften an Mittelschulen ist alles andere als einfach. Wie aus einer aktuellen Studie des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) hervorgeht, hält nur knapp über die Hälfte von 530 befragten Lehrkräften die Lehrerversorgung für ausreichend. Nur zehn Prozent sind der Meinung, dass es genügend Personal für eine individuelle Förderung von Schülern gibt und über 80% beklagen den Mangel an mobilen Reserven. Gleichzeitig sind die Anforderungen an diese Schulart sehr groß: So geben fast 90% an, Schüler mit Migrationshintergrund zu unterrichten, 84% berichten von mindestens einem Schüler in der Klasse mit sonderpädagogischem Förderbedarf, wobei die häufigsten Probleme in der sozial-emotionalen Entwicklung der Heranwachsenden liegen. Diese Schüler werden von den meisten Lehrkräften als „besonders belastend“ erlebt. „Die Ergebnisse der BLLV-Studie sind alarmierend“, erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel heute in München. „Die Schulart sei aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden“, beklagte er.

Es sei letztlich dem großen Engagement der Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken, dass es trotz schlechter Voraussetzungen in vielen Fällen gelänge, jungen Menschen zu helfen. „Viele schaffen den Schulabschluss und können sich eine unabhängige Existenz aufbauen. Mittelschulen müssten gerade deshalb bestens ausgestattet sein. Leider sind sie das nicht“, kritisierte der BLLV-Präsident. Ein Ergebnis der Studie habe ihn besonders erschreckt: Über 70% der Lehrerinnen und Lehrer hätten angegeben, die Bezeichnung „Restschule“ würde die Stellung der Mittelschulen in Bayern richtig bezeichnen. 

Auch wenn der BLLV diese Bezeichnung erschreckend findet, müsse die Bildungspolitik die Realität akzeptieren: Eine immer schärfere Auslese führe dazu, dass die Pflichtschule Mittelschule das „Sammelbecken“ für alle jene darstelle, die es nicht auf Realschule und Gymnasium geschafft haben oder die von diesen Schularten zurückkehren. Wenzel: „Solange Bildungspolitiker in Bayern aus ideologischer Überzeugung nicht bereit sind, den Weg zu einer längeren gemeinsamen Schulzeit zu gehen, müssen sie die Konsequenz daraus ziehen und die Mittelschule so ausstatten, dass sie ihre Schüler und Schülerinnen optimal fördern kann.“

Der BLLV-Präsident forderte:

  • Eine deutlich verbesserte personelle Ausstattung im Sinne einer weiteren Verbesserung der Schüler-Lehrer-Relation bzw. eines regional spezifischen Indexes bei der Lehrerstundenbudgetierung
  • Unterstützung durch zusätzliches professionell geschultes Personal
  • Personelle und fachliche Hilfen im Umgang mit Heterogenität
  • Eine verbesserte Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte
  • Die Einrichtung eines Netzwerkes aus Dolmetschern und Therapeuten, um sich z.B. den Flüchtlingskindern professionell annehmen zu können.

Wie bekannt ist, stehen viele Mittelschulen aktuell vor der Aufgabe, Flüchtlingskinder aus Kriegs- und Krisenregionen zu unterrichten – obwohl es keine ausreichend Unterstützung gibt. Der BLLV hat darauf bereits mehrfach hingewiesen und im Oktober 2014 ein Notprogramm über zehn Millionen Soforthilfe gefordert. „Bislang ist außer vollmundigen Versprechungen kaum etwas an den Schulen angekommen“, warf Wenzel der Bayerischen Staatsregierung vor.

In den Mittelschulen spiele die Beziehungsarbeit zwischen Lehrkräften und Schülern eine zentrale Rolle, betonte Wenzel. Je besser diese gelingen würde, umso nachhaltiger könnten Bildungs- und Erziehungsprozesse initiiert werden. Es müsse deshalb vor allem auch um die Stärkung dieser so wichtigen Arbeit gehen. „Wer die Schülerinnen und Schüler der Mittelschule wirklich ernst nimmt, muss dafür sorgen, dass den Sonntagsreden rund um den Wert dieser Schulart  konkrete Verbesserungen folgen.“