Baukultur: Mit Visionen zu Authentizität, Identität und Wirtschaftskraft

Landratsamt Unterallgäu | 25.01.2012 | 12-0238

Seine Umwelt bewusst wahrnehmen, Visionen haben und umsetzen, Identität schaffen und sich dadurch auch wirtschaftliche Vorteile sichern – darum geht es in den nächsten Jahren. Andernfalls werden alle Ortschaften innerhalb kurzer Zeit austauschbar gleich aussehen – egal ob in Nord- oder Süddeutschland, in der Schweiz oder anderswo, warnt Architektur-Professor Christian Wagner von der Hochschule für Wissenschaft und Technik (HTW) Chur. Welche Bedeutung Baukultur hat und welche Herausforderungen dies für die nächsten Jahre mit sich bringt, stand jetzt im Mittelpunkt eines Forums „Baukultur im Unterallgäu“ in Mindelheim. Organisiert wurde der Abend von Kreisheimatpfleger und Architekt Peter Kern und Galeristin Doris Riedmiller in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt Unterallgäu.

Nach einem Impulsvortrag von Christian Wagner wurde das Thema Baukultur und dessen Bedeutung vor über 200 Zuhörern von verschiedenen Seiten beleuchtet. „Unser Landkreis hat wunderbare Perspektiven. Wir laufen Gefahr, diese zu verspielen, wenn wir das Thema Baukultur nicht ernst nehmen“, verdeutlichte Landrat Hans-Joachim Weirather, warum er den Anstoß für diesen Abend gegeben hatte. „Um den Wettbewerb der Regionen um die Zukunftsfähigkeit zu gewinnen, müssen wir uns der Qualität des Bauens widmen – jetzt“, betonte Weirather.

Wie der Schweizer Architektur-Professor Wagner herausstellte, habe Baukultur „sehr viel mit bewusster, kritischer Wahrnehmung“ zu tun. Es gehe darum, sich intensiv mit seiner Umgebung und dem Bauen auseinanderzusetzen. „Die Entwicklung ging in den letzten Jahren so schnell, dass man gar nicht dazu gekommen ist, sich Gedanken zu machen.“ Inzwischen sei – egal wo man hinblicke – nur noch ein Bruchteil eines jeden Ortes „postkartenwürdig“, also so unverwechselbar, authentisch und schön, dass man ihn stolz herzeigen würde, so Wagner. Stattdessen entstünden überall Baugebiete mit austauschbarer „Globalarchitektur“. „Wenn wir jetzt keine Anstrengung unternehmen, dann wird es in 20 Jahren überall gleich aussehen“, warnte der Referent. Er forderte echte „Visionen“ ein, mit denen die Besonderheiten eines Ortes herausgearbeitet und weiterentwickelt werden könnten. „Authentisch ist nur, was vertraut, glaubwürdig und echt ist“, so Wagner. Diese Authentizität müsse auch in Neubaugebieten endlich Einzug halten. Denn: Eine starke Authentizität schafft seiner Meinung nach Identität und gleichzeitig auch massive wirtschaftliche Werte. Dies zu erreichen sei ein schwieriger Kraftakt. Gelingen könne dieser nur im Miteinander und dadurch, alle Bürger vom Mehrwert von Baukultur zu überzeugen, so der Professor.

Der Heimatpfleger der Stadt Kempten, Architekt Tilman Ritter von der Obersten Baubehörde in München, forderte im Podiumsgespräch eine konsequente Planung unter dem Motto „Bewahren, gestalten, neu schaffen“ statt unstrukturierter Handlungen. Nur so kann es seiner Meinung nach gelingen, die „Auswüchse nicht geplanten Gestaltens“ in den Griff zu bekommen. Christian Kreye vom Amt für Ländliche Entwicklung Schwaben stellte die Dorferneuerung als ein Instrument vor, mit dem Gemeinden dem Wandel begegnen können. Wilhelm Hofmann von der Regierung von Schwaben ging auf die Möglichkeiten der Städtebauförderung ein. Er betonte, dass die Gemeinden es über ihre Bauleitplanung stark in der Hand hätten, wohin die Reise gehen wird. Moderiert wurden das Podiumsgespräch und die Fragen aus dem Publikum von Architekt Florian Plajer von der Technischen Universität (TU) München, der auch Projekte der TU im Unterallgäu vorstellte. Mit gezielten Fragen forderte er die Diskussionsteilnehmer zu klaren Aussagen zur Qualität im Bauen heraus.

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