Augsburg – Erkenntnisse der SOKO „Spickel“ zum Polizistenmord

Augsburg | 11.11.2011 | 11-1395

Polizei-Bayern-Wappen2Zwei Wochen sind nun vergangen seit Mathias Vieth im Dienst von zwei Tätern erschossen worden ist und seine Kollegin beim Schusswechsel einen Streifschuss erlitten hat. Hier eine Zusammenfassung der derzeitigen Erkenntnisse der SOKO „Spickel“:

Die Funkstreifenbesatzung der Polizeiinspektion Augsburg-Süd entdeckte am Freitag, 28.10.2011, gegen 2.50 Uhr auf dem südlichen Parkplatz des Kuhsees zwei männliche Personen, die mit einem Motorrad unterwegs waren und wollten die Kradbesatzung einer Kontrolle unterziehen. Von den Beiden liegt aufgrund der Sichtverhältnisse und des späteren Tatablaufes nur folgende Beschreibung vor:

Beide trugen Motorradhelme, dunkle Tücher im Gesicht und sind vermutlich jüngeren Alters. Außerdem trugen sie keine professionelle Motorradschutzkleidung.

Während zum Fahrer keine nähere Beschreibung vorliegt, war der Beifahrer (Sozius) mit einer Art Cargohose mit 2 aufgesetzten Taschen bekleidet, die hell aber nicht auffallend hell war. Außerdem eine über das Gesäß reichende dunkel glänzende nicht gesteppte Jacke und schwarze Turnschuhe (sog. Sneakers).

Angesichts der bevorstehenden Kontrolle flüchteten die beiden Männer auf dem Motorrad über die Fußgängerbrücke am Hochablass in Richtung Spickelstraße. Während der 41-jährige Polizeihauptmeister Mathias Vieth den Streifenwagen steuerte und dem Motorrad folgte, informierte seine Streifenpartnerin über Funk die Einsatzzentrale. Sofort entsandte diese mehrere Funkstreifenbesatzungen zur Unterstützung. Das Motorrad bog letztlich von der Spickelstraße in einen Waldweg ein. Nach ca. 250 Metern stürzten die Männer, dadurch gelang es den Polizeibeamten aufzuholen. Als die beiden Polizeibeamten ausstiegen um nach den Männern zu sehen, wurden sie aus der Dunkelheit heraus beschossen. Das Feuer wurde von Mathias Vieth erwidert. Seine Kollegin teilte über Funk die Schussabgabe mit und gab anschließend ebenfalls mehrere Schüsse auf die in der Dunkelheit befindlichen Täter ab. Diesen gelang jedoch die Flucht.

Als die unterstützenden Streifenwagen eintrafen, waren seit Beginn der Verfolgung nur ca. 10 Minuten vergangen. Wie dann festgestellt werden musste, wurde Thomas Vieth von mehreren Schüssen getroffen. Die Schutzweste hatte „gehalten“, todesursächlich waren Treffer, die außerhalb des Schutzbereiches der Weste lagen. Der Polizeihauptmeister war unmittelbar nach der Schießerei verstorben, ein sofort alarmierter Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen.

Die Täter waren unter Zurücklassung des Motorrades geflüchtet, hatten es aber noch geschafft eine Tasche mitzunehmen. Mit einem Vergleichsbild der Tasche, deren Inhalt nach wie vor unbekannt ist, wurde bereits öffentlich gefahndet.

Im Anschluss an die Tat wurde der Bereich des Tatortes (Hochablass/Siebentischwald) weiträumig abgesperrt. Die Bevölkerung wurde gewarnt und gebeten diesen Bereich zu meiden, da nicht auszuschließen war, dass sich die bewaffneten Täter noch in diesem Bereich befinden, was sich später jedoch als nicht zutreffend herausgestellt hat.

Unter der Leitung von Polizeivizepräsident Strößner erfolgten u. a. umfangreiche Absuchmaßnahmen im engeren und weiteren Umfeld des Tatgeschehens. Dabei wurde die nordschwäbische Polizei durch eine Vielzahl von Polizeikräften (Bereitschaftspolizei, Spezialeinheiten, Diensthundeführer mit Personensuchhunden, Polizeihubschrauber, Taucher etc.) unterstützt. Diese Maßnahmen führten zur Auffindung mehrerer Gegenstände, unter anderem eine Waffe (zu der es aus ermittlungstaktischen Gründen keine näheren Angaben gibt) und ein Visier eines Motorradhelmes. Die Absuchmaßnahmen dauerten mehrere Tage und schlossen auch die Gewässer Lech und Kuhsee, das umliegende Gelände sowie den Bereich entlang der dortigen Bahnlinie mit ein.

Die späteren Ermittlungen haben ergeben, dass sich die Täter auf ihrer Flucht zu Fuß vermutlich getrennt haben und mindestens einer der Männer durch den Lech in Richtung des Stadtteils Hochzoll-Süd geflüchtet ist. Deswegen wurde auch ein Zeugenaufruf nach verdächtigen Wahrnehmung bzw. nasser oder verschmutzter Kleidung gestartet. Außerdem war es nicht auszuschließen, dass die Täter bei dem Schusswechsel ebenfalls getroffen wurden bzw. sich auf der Flucht verletzten und möglicherweise ärztlicher Hilfe bedurften bzw. zumindest Verbandsmaterial benötigten. Auch diese Möglichkeiten wurden in die Öffentlichkeitsfahndung mit einbezogen.

Die aufgefundenen Gegenstände wurden spurentechnisch auch hinsichtlich auf DNA-Spuren untersucht. Dabei konnte auch eine DNA-Spur gesichert werden, die bei den bisherigen Recherchen jedoch nicht zu einem Treffer in den Datenbanken führte. Mit Hilfe dieser DNA-Spur konnte aber auch der spätere vermutete Zusammenhang mit dem Polizistinnenmord aus Heilbronn ausgeschlossen werden.

Die Ermittlungen bezüglich des Motorrades (eine graue Honda Typ CB 500 mit gelben Mustern auf dem Tank bzw. den Seitenteilen und dem angebrachten Kennz. A-L 307) ergab, dass dieses in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2011 im Stadtgebiet Ingolstadt gestohlen wurde und ursprünglich mit dem Kennzeichen IN-HW 8 versehen war. Von diesem Motorrad wurden deutschlandweit ca. 4.000 Maschinen verkauft, der Deutschlandaufkleber und der Schutzbügel für den Motor wurden nachträglich angebracht. Beide rechtmäßigen Kennzeichenhalter haben mit dem Verbrechen nichts zu tun. Auch bezüglich des Motorrades lief eine umfangreiche Öffentlichkeitsfahndung, die sich auf mögliche Unterstellorte des Krades oder Wahrnehmungen, wo es unterwegs gewesen sein könnte, bezog.

Das aufgefundene Helmvisier führte zur Ermittlung eines Motorradhelmes. Dabei handelt es sich um einen aus Thailand importierten und im Zeitraum von Februar bis April 2011 ausschließlich in LIDL-Märkten in Deutschland und im LIDL-Online-Shop verkauften Helm zum Preis von 39,99 Euro. Diese Helme gibt es in den Farben schwarz, anthrazit und silber jeweils in matt oder glänzend. Auch diese Erkenntnisse wurden in die Öffentlichkeitsfahndung mit einbezogen.

Die Kripo Augsburg hat zudem ein mehrsprachiges Fahndungsplakat herausgegeben, das an Haushalte bzw. Geschäfte verteilt und an öffentlichen Plätzen ausgehängt wurde. In Presseveröffentlichungen und dem Fahndungsplakat wurde außerdem auf die Belohnung, die sich auf 55.000 Euro beläuft, hingewiesen.

Hinsichtlich der verwendeten Waffen wurde durch die spurentechnische Auswertung am Tatort festgestellt, dass von den Tätern mindestens drei Waffen mitgeführt und aus mindestens zwei Waffen Schüsse auf die Polizeibeamten abgegeben wurden. Nähere Angaben sind aus ermittlungstaktischen Gründen nicht möglich.

 

Aktuelle Ermittlungen:

Donnerstag, 10.11.2011, gegen 19.30 Uhr, wurden in einem Königsbrunner Verbrauchermarkt zwei 30- und 35-jährige Männer vorläufig festgenommen. Vorausgegangen war ein Gespräch, das von einem Zeugen zufällig mitgehört wurde. Dabei äußerte einer der Beiden: „als er nach der Tasche gegriffen hat, habe ich ihm in den Kopf geschossen!“ Nach der Festnahme der Männer wurden diese in den Polizeiarrest verbracht und deren Wohnungen durchsucht bzw. der Sachverhalt ermittelt. Dabei mussten die Beamten erkennen, dass kein Bezug zum aktuellen Verbrechen besteht und sich die Männer nur „wichtig“ machen wollten, worauf sie wieder entlassen wurden. Die Polizei rät dringend vor ähnlichem Verhalten Abstand zu nehmen, um die Arbeit der Polizei nicht unnötig zu erschweren bzw. zu behindern.

Ebenso hat sich eine vielversprechende Spur, die sich aus der Fernsehsendung XY-ungelöst ergeben hatte, als nicht relevant erwiesen. Ein Zeuge hatte noch in der Sendung angerufen und im Zusammenhang mit dem Verbrechen einen Vornamen genannt bzw. einen Zusammenhang mit einem Rauschgiftgeschäft vermutet. Ein Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt an Mathias Vieth konnte auch hier ausgeschlossen werden.  

Die SOKO „Spickel“ arbeitet derzeit mit 53 BeamtenInnen mit Nachdruck an dem Fall des ermordeten Polizeibeamten Mathias Vieth. Das für Tötungsdelikte zuständige Fachkommissariat 1 ist nahezu vollständig in die SOKO integriert, dazu noch weitere Sachbearbeiter aus allen anderen Kommissariaten und anderen nordschwäbischen Dienststellen. Diese bringen somit auch ihr spezielles Fachwissen ein. Die Motivation der Soko-Mitarbeiter ist außerordentlich hoch, alle leisten täglich Überstunden und arbeiten auch an den Wochenenden und Feiertagen.

Die SOKO „Spickel“ wird von Spezialisten des Landeskriminalamtes unterstützt. Die Gutachten zu den Waffen- und DNA-Untersuchungen werden in den Laboren des LKA ausgearbeitet. Außerdem kamen am Tatort neueste 3-D-Vermessungsverfahren zum Einsatz.

Auch die Kollegen aus Ingolstadt unterstützen die Soko „Spickel“. Die Kripo Ingolstadt hat eine 10-köpfige Ermittlungsgruppe zur Aufklärung des Diebstahls des von den Tätern benützten Motorrades eingesetzt.

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